als Legitimation zu erkennen war, in der näheren Nachbarschaft Russlands, wie z.B.
in der Ukraine, aktiv zu werden.*'® Kenner Russlands wussten schon lange, dass die
russische Führung die Ukraine, vor allem die Krim, historisch als untrennbaren Teil
Russlands ansah. Eine Krise mit militärischem Einschreiten Russlands kam folglich
für Russland-Experten nicht unerwartet, wohlgemerkt eher für „Russland-Experten“
als für „USA-Experten“. Denn einen von der USA inszenierten Putsch hatten wenige
vermeintliche Experten für die US-Strategie auf dem Schirm, wobei sich die Frage stellt,
ob es sich beim ,Euromaidan® überhaupt um eine allein US-gesteuerte Revolution
handelt. Kenner der russischen Machtstruktur hatten dagegen schon lange vor einer
russischen Aggression gegen die Ukraine gewarnt.

Da die sowjetischen Strategen langfristig planten, machte man sich die russischen
Minderheiten in den neuen Staaten nach dem „Untergang“ der Sowjetunion zunutze.
Die Halbinsel Krim gehörte einst den Tataren und dann zum osmanischen Imperium,
1783 wurde sie von Russland okkupiert. Stalin ließ 1944 die dort ansässigen
Krim-Tataren deportieren und siedelte auf der Krim in großem Umfang Russen
an. Die Ukraine war 1922 zur Sowjetrepublik geworden und musste seitdem
Massenmord und Kriegsverbrechen ertragen. 1954 wurde die Krim der Ukrainischen
Sowjetrepublik zugesprochen. Nach dem Zerfall der UDSSR 1991 wurden die 58
Prozent russisch-sprachigen Krim-Bewohner plötzlich zu Ukrainern und sahen sich mit
einer Landessprache konfrontiert, die sie nicht verstanden. Die Spannungen zwischen
den Ukrainern und der russischsprachigen Bevölkerung, die sich meist weniger mit
dem neuen Staat „Ukraine“ als mit der alten Sowjetunion identifizierten, sollten den
Russen den Vorwand liefern, um sich weiterhin in die Angelegenheiten der ehemaligen
Satelliten-Staaten einzumischen. Die Umsiedlung einheimischer Ethnien im Austausch
gegen gebürtige Russen war eine bewusst gewählte Taktik (siehe S.93). Die Option
einer militärischen Invasion mit dem Vorwand des Schutzes der russischen Minderheit
sollte aber nur gezogen werden, wenn die ehemalige Sowjetrepublik abfällig werden
würde. Wahre Machtwechsel waren in den alten Sowjetstaaten wie Polen, Rumänien,
Bulgarien, Tschechien oder der Ukraine nicht geplant und fanden deswegen auch nicht
statt. Der Bundestagsabgeordnete Hans Graf Huyn zog in seinem 1991 erschienenen
Buch „Die Deutsche Karte“ die richtigen Schlüsse: Bereits in der Zeit zwischen Sommer
1986 und Sommer 1987 haben verschiedene Koordinationstreffen führender KGB-
Offiziere stattgefunden. [...] Hier wurde beschlossen, zur Vorbereitung und Manipulierung
der bevorstehenden Unruhen und Umwälzungen im Bereich der Satellitenstaaten
geheime Zellen außerhalb der gewöhnlichen Kader zu bilden, wie auch in den Strukturen
der kommunistischen Parteien. Sobald diese handlungsfähig waren, sollten sie ihre Männer
und Frauen in die verschiedenen Bürgerrechtsbewegungen und oppositionellen Gruppen
einschleusen, ganz gleich, ob diese reformkommunistisch oder antikommunistisch eingestellt
waren. Ihre Aufgabe war nicht, Repression und Denunziation durchzuführen, sondern im
Gegenteil sich als ,Reformisten zu gebärden und eine ausreichende Glaubwürdigkeit zu

* Der ARD Korrespondent Thomas Roth fragte Putin schon 2008: Der französische Außenminister Kouchner hat
auch die Sorge geäußert, dass der nächste Konfliktherd in der Ukraine beginnt, nämlich um die Krim, und zwar um die
Stadt Sewastopol. Ist die Krim das nächste Ziel? *7

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