G. Die Ukraine-Krise
G.1. Steckt Russland hinter der Putsch-Regierung?

Die simple Erzählweise der alternativen Medien über die Ereignisse der
Ukraine-Krise lässt sich in etwa so zusammenfassen: Die USA wollten sich durch
Finanzierung und Unterstützung einer Revolution die Regierung der Ukraine
krallen. Danach solle die Ukraine von westlichen Banken und Ölkonzernen
ausgeplündert werden. Für Russland hätten die USA damit die „Rote Linie“ der
ukrainischen Nationalen Souveränität verletzt. Russland habe keine andere Wahl mehr
gehabt, als sich gegen den westlichen Einfluss in der Ukraine zur Wehr zu setzen. Putin
sei von NATO und EU zur Zurückeroberung gedrängt worden, da sie mit dem Putsch
in der Ukraine an Russlands Grenzen vorrücken wollten. Die US-amerikanischen
Geostrategen hätten die Ukraine schon seit langer Zeit ins Visier genommen. Die
Ukraine sei ein neuer und wichtiger Raum auf dem eurasischen Schachbrett und ein
geopolitischer Dreh- und Angelpunkt, so Zbgniew Brzezinski in seinem Buch „Die
einzige Weltmacht“. Andersherum könnte man den Russen auch vorwerfen, dass sie
die Ukraine als den „Dreh-und Angelpunkt“ ihrer militärischen Interessen ansahen und
dort deshalb eine Marionettenregierung unter Janukowitsch einsetzten. Das Argument,
die USA hätten die nationale Integrität der Ukraine mit einer gesteuerten Revolution
verletzt, rechtfertigt auch nicht, dass die Russen die Souveränität der Ukraine mit ihrer
Okkupation der Krim verletzen. Aber Argumente können Sie sich in Debatten mit den
Putinverstehern gleich sparen, denn Kritik an dem von ihnen festgelegten Hergang der
Ereignisse, wird von ihnen als Apostasie vom Glauben an den heiligen Wladimir Putin
verstanden. Sobald man versucht, Logik und Argumente zu bemühen, werden die
Putinjünger wütend und versuchen diese mit Beschimpfungen zu übertünchen. Wer
das Vorgehen Russlands kritisiert wird bei der eingeschworenen Putin-Sekte schnell
zum westlichen Propagandisten gemacht, der die Wahrheit absichtlich leugnet.

Vergessen Sie deshalb alles, was sie von KenFM, Compact, William Engdahl
oder Christoph Hörstel über die Ukraine-Krise gehört haben. Hier ist meine
libertäre und weitaus realistischere Analyse: Dabei ist als Allererstes festzustellen,
dass die Ukraine-Krise auch für viele Nichtkenner der Langzeitstrategie keine große
Überraschung darstellte. Die Feindseligkeiten zwischen Russland und der Ukraine hatten
bereits 2004 begonnen. Die Ukraine wollte sich im Zuge der sogenannten „Orangenen
Revolution“ aus dem Diktat Moskaus lösen und suchte den Anschluss an den Westen -
so zumindest die offizielle Erklärung. Daraufhin stellte Russland im Winter 2005 nicht
nur die Gaslieferungen an die Ukraine ein, sondern sorgte zudem dafür, dass auch
aus Turkmenistan kein Gas mehr geliefert wurde. Schon damals stellte der russische
Außenminister Sergej Iwanow die Unverletzlichkeit der Grenzen und die territoriale
Integrität der Ukraine in Frage.“'* Dass Russland bereit war, seine Militirmacht nicht
nur innerhalb der eigenen Grenzen zu verteidigen, hatte der Krieg in Tschetschenien
schon gezeigt. Die 1993 ausgearbeitete Militärdoktrin sah die Option vor, militärische
Gewalt zum Schutz russischer Minderheiten im Ausland anzuwenden, was unschwer

217