durch Russland und China auf dem gesamten eurasischen Erdteil als einzige Chance
des Westens auf die Lösung seiner wirtschaftlichen Probleme: Für die Vergabe von
Staatsanleihen für langfristige Infrastrukturentwicklung ist China, verglichen mit den
USA und europäischen Ländern, noch immer deutlich im Vorteil. Würden China,
Russland und die übrigen SOZ-Mitgliedsländer wirklich zusammenarbeiten,
gemeinsam solche Infrastrukturprojekte planen und sie intern finanzieren, also
nicht auf Dollar- oder Euro-Basis über den Kapitalmarkt, so könnte dies in den
nächsten 30-40 Jahren eine wirtschaftliche Renaissance bedeuten, und das nicht nur
für die chinesische Industrie, sondern auch für Russland und Zentralasien bis hin zu den
Krisenländern in Westeuropa.”° Die USA sollten aus Westeuropa verdrängt und ein
riesiger eurasischer Wirtschaftsraum unter der Ägide Chinas und Russlands entstehen.
Damit sei die Aussicht auf einen beispiellosen eurasischen Wirtschaftsboom®® nicht mehr
fern. Die Umsetzung dieses Eurasien-Projekts würde die Absenkung des im Westen
schon jetzt im Niedergang begriffenen Lebensstandards beschleunigen. Der letzte
Rest an freier Marktwirtschaft würde den planwirtschaftlichen Großprojekten
der SOZ (siehe S.185) weichen, die Engdahl empfiehlt. Der große Eurasische
Wirtschaftsraum würde sich noch fataler auf die Wirtschaft jedes Landes, das sich in
ihm befindet, auswirken als die korporatistische EU. Engdahl will den Westen von
Staaten abhängig machen, deren Wirtschaftswachstum zum Großteil auf westlicher
Technologie basiert und in denen niemals ein Wirtschaftsboom wie in westlichen Staaten
stattfinden konnte.

Im Gegensatz zu manch anderem Russlandversteher denke ich über William
Engdahl nicht, dass er ein nützlicher Idiot ist, der, unfreiwillig, Russlands
Langzeitstrategie unterstützt. Schon im dritten Satz von „China in Gefahr” spricht
er von einer Langzeitstrategie einflussreicher Kreise der USA und Großbritanniens
gegenüber der künftigen souveränen Existenz der Volksrepublik China. Soll das eine
Insider-Anspielung zu Beginn des Buches sein für diejenigen aus seinem eurasischen
Netzwerk, die in die Langzeitstrategie Russlands eingeweiht sind? Ausgerechnet der
chinesische Militärstratege Sun Tsu wird von Engdahl bei seiner Beschreibung einer
siegreichen chinesischen Strategie hervorgehoben: Wenn dein Feind in allen Punkten
sicher ist, dann sei auf ihn vorbereitet. Ist er stärker, geh ihm aus dem Weg [...] Greife
ihn an, wenn er nicht vorbereitet ist, tauche dort auf, wo er dich nicht erwartet.”* Bei
der Planung der Langzeitstrategie erinnerten sich die sowjetischen Parteikader
an den von Engdahl zitierten alten chinesischen Strategen, dessen Werke in den
1950er-Jahren durch Oberstleutnant J.I. Sidorenko ins Russische übersetzt worden
waren. Sun Tsu hatte schon im fiinften Jahrhundert vor Christus zu schleichender
Zersetzung und strategischer Täuschung als Alternative zum offenen Kampf geraten.“
Die in der Langzeitstrategie prophezeite Wirtschaftskrise in Phase 4 bezeichnet
William Engdahl als Achillesferse des Westens,“ die die Chinesen ausnutzen
sollten.“ Während sich fast alle naiven, uninformierten Putinversteher klar gegen
jegliche Art von Krieg positionieren, empfiehlt Engdahl den Chinesen und Russen

* Die Verarmung der Zivilbevolkerung in Russland und China wird indes nie als „Krise“ verkauft. Sie ist schlicht
der Normalzustand.

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