eines Landes noch größere Bedeutung zu als der Energiesicherheit. Im Zentrum dieser
Stabilität steht das weltweite System der Reservewährung. Seit die USA bei der Bretton-
Woods-Konferenz von 1944 die Regeln der internationalen Währungsordnung für die
Nachkriegszeit maßgeblich formulierten, greift Washington zu Manipulation, Lüge und
Betrug und führt sogar Kriege, um den Status der US-Dollars als ‚Schlüsselwährung‘ der
führenden Reservewährung im internationalen Handel aufrecht zu erbalten.’®® Warum
waren dann sowohl China” als auch die UDSSR zu Gast bei der Bretton-Woods-
Konferenz, auf der der Dollar zur Weltleitwährung gemacht wurde? Wurden die
armen russischen Kommunisten in diesem Fall mal wieder von den hinterlistigen
Amerikanern getäuscht? Und warum entpuppte sich Harry Dexter White, dessen
Plan eines Weltwährungssystems bei der Konferenz verabschiedet wurde, später als
sowjetischer Agent? Der Mann, der die USA in eine noch stärkere finanzielle Weltmacht
verwandelte, war ein russischer Spion. Besser kann man nicht verdeutlichen, dass die
Interessen der Banker über den staatlichen Interessen von Russland und Amerika
stehen. Passt die Errichtung eines Weltfinanzsystems aus Papiergeld (siehe S.43) nicht
auch perfekt zur prophezeiten Finanzkrise in Phase 4 der Langzeitstrategie (siehe S.81)?
All diese Zusammenhänge werden von Engdahl tapfer zur Seite geschoben. So war
die Finanzierung des amerikanischen Irakkriegs durch Chinas Währungsreserven
nur eine dumme Situation, in die sich China hineingeritten hatte: Ende 2005
näherten sich die chinesischen Dollar-Reserven aus Exporterlösen der atemberaubenden
Summe von einer Billion Dollar. Dadurch konnte es sich die US-Regierung erlauben, riesige
Defizite anzuhäufen, um die Kosten der Kriege im Irak und in Afghanistan zu decken.
Denn schließlich konnte sie sicher sein, dass China kaum eine andere Wahl hatte, als die
wachsenden Dollar-Handelsüberschüsse in amerikanische Staatspapiere zu investieren. Eine
verquere, unheilige Allianz zwischen der einzigen hegemonialen Supermacht, den USA,
und China, der am schnellsten wachsenden Wirtschaftsnation, bahnte sich an.“ Was für
eine „verquere“ Situation, in die China da doch „gezwungen“ wurde. „Ironischerweise“
legte China im UN-Sicherheitsrat (siehe S.126) kein Veto ein, als die USA den Irak
2003 angriffen.

E.2. Der chinesisch-amerikanische Korporatismus

Ebenso naiv stellt sich Engdahls Analyse des vermeintlichen chinesischen
Wirtschaftswunders dar. Zwar ist China heute die zweitgrößte Wirtschaftsmacht
nach den USA, doch für den durchschnittlichen Chinesen ist es noch weitaus
schwerer, ein Unternehmen zu gründen, als ich es schon für Russland beschrieben
habe (siehe S.145 ff.). Es ist so gut wie unmöglich! Der Wirtschaftsboom Chinas,
den Engdahl beklatscht, kam nur zustande, weil Deng Xiaoping die chinesische
Wirtschaft für ausländische Investitionen öffnete, nachdem Millionen Chinesen in
Maos Kommandowirtschaft ihren Tod fanden. Dass er die Wirtschaft für Investitionen
öffnete, bedeutete nicht, dass er eine freie Marktwirtschaft einführte. Ähnlich wie in
Russland (siehe S.141 ff.) ist auch die chinesische Wirtschaft vom Staat kontrolliert

* Damals noch nicht kommunistisch

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