bis Ende 1938, indem man ihnen das Stigma „Trotzkist“ anheftete und sie zum Tode
oder lebenslangem Gulag verurteilte, ähnlich wie man in Deutschland Menschen mit
dem Stigma „Jude“ in die Konzentrationslager schickte. Die Trotzkisten außerhalb
Russlands profitierten und profitieren immer noch von Stalins Maßnahmen, denn
sie konnten sich einfach von Stalins Terrorherrschaft distanzieren und weiterhin
behaupten, der Kommunismus führe zu Glück und Wohlstand, wenn man ihn
nicht gefährlichen Psychopathen wie Stalin überlassen würde.

Trotzki hatte die Sowjetunion 1928 verlassen und wetterte aus dem Exil gegen Stalins
Verbrecherregime, so, als ob er und Lenin nicht auch Millionen Menschen auf dem
Gewissen hatten. Im russischen Bürgerkrieg starben geschätzt sieben bis zwölf Millionen
Menschen, die meisten davon Zivilisten. Trotzki war der Organisator der Roten Armee
undließ hundertederen zivilen Kommandeureermorden, um siezu einer konventionellen
Armee zu machen. Wer Trotzki anhängt, hängt ebenfalls einem Massenmörder an.
1938 gründete er von Mexiko aus die „Vierte Internationale“, die sich nach Stalins
Übernahme der „Dritten Internationale“ wieder den Zielen des Trotzkismus‘ widmen
sollte. Ein Verbund trotzkistischer Parteien und Organisationen traf sich 1938 auf der
Gründungs-Versammlung in Paris, um sich die neuen Befehle Trotzkis abzuholen.
Moderne Trotzkisten beanspruchen für sich, in der ungebrochenen Tradition dieser
Vierten Internationale zu stehen. Klar, denn so wäscht man sich die Hände vom
Stalinismus rein und stellt die eigene Ideologie als friedlich dar. Stalin löste die „Dritte
Internationale“ 1943 auf. Er erklärte in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur
Reuters vom 28. Mai 1943, dass Moskau sich nicht in das Leben anderer Staaten
einmische.’® Zu diesem Zeitpunkt formierte sich in New York eine Gruppe junger
Trotzkisten, die sich gegen den Stalinismus wandten. Nach dem Zweiten Weltkrieg
wechselte diese Gruppe ihren politischen Anstrich, distanzierte sich vom Trotzkismus
und wurde zu „Demokraten“ und „Antikommunisten“. Irving Kristol, der zu dieser
Gruppe gehörte, war von 1953 bis 1958 Herausgeber und Mitbegründer des britischen
Magazins , Encounter”, in dem er sein vermeintlich konservatives Gedankengut
verbreitete.

Aus dieser entschiedenen Haltung gegen das Sowjetregime, gemischt mit einer
leisen, doch im Laufe der Zeit immer lauter werdenden Befürwortung des Sozialstaats,
entstand Ende der 60er-Jahre die Ideologie, die man heute als „Neokonservatismus“
bezeichnet. Eigentlich standen die Trotzkisten um Irving Kristol der Demokratischen
Partei nahe, die bis heute für internationale Sozialisten ein wichtiges Werkzeug der
politischen Unterwanderungdarstellt. VieleRepublikanerverteidigteninden 50er-Jahren
noch das uramerikanische Prinzip des Minimalstaates mit freiem Unternehmertum,
während sich die Demokraten für mehr Abgaben und einen Ausbau des Sozialstaats
einsetzten. In den 1970ern begann Kristol die Seite zu wechseln und unterstützte die
Republikaner. Der offizielle Grund hierfür war die von der Sowjetunion ausgehende
Gefahr, die auch von Linken nicht mehr toleriert werden konnte. Er bezeichnete sich
rückblickend als Linken, der von der politischen Realität überfallen worden war (a
liberal mugged by reality). Das klingt auf den ersten Blick vernünftig, doch, wie
schon bemerkt, gehört es zur Taktik der Trotzkisten, sich von kommunistischen

175