für dieses Geld Zinsen verlangen. Der Zins ist nichts anderes als eine Belohnung für
Konsumverzicht, d.h. man könnte z.B. auch Auto-Leasing-Verträge oder Mietverträge
als „Zinsverträge“ bezeichnen, weil in diesen Fällen ein Konsumverzicht des Auto-
oder Wohnungseigentümers stattfindet. So kann der Eigentümer des Autos bei einem
zweijährigen Leasing-Vertragzwei Jahrelang nicht mit dem Auto fahren und ein Vermieter
kann bei einem zweijährigen Mietvertrag zwei Jahre lang nicht in der Wohnung wohnen.
Wenn man etwas verleiht, will man dafür belohnt werden. So auch bei Geld: Wer sein
Geld für ein Jahr verleiht, kann es ein Jahr lang nicht selbst ausgeben. d.h. er will für
seinen Konsumverzicht entschädigt werden. Diese Entschädigung ist der Zins. Würde
man den Zins abschaffen wollen, müsste man Menschen dazu zwingen, ihr Geld ohne
Gegenleistung zu verleihen. Geld ist eine Ware wie jede andere auch: Niemand verleiht
freiwillig sein Auto für ein Jahr und so verleiht auch niemand freiwillig sein Geld
für ein Jahr. Man müsste die Menschen demnach zum Konsumverzicht zwingen.
Allerdings hat Mährholz völlig Recht, wenn er unser Geldsystem kritisiert und
die Abschaffung der Federal Reserve fordert. Genau wie die EZB produziert die
Federal Reserve legalisiertes Falschgeld, auf das sie Zinsen verlangt. Eigentlich muss
man das Geld, das man als Darlehen verleiht, vorher selber verdient haben, doch das
Monopol auf das Falschgeld/Fiat-Geld führt dazu, dass Banken so viel Geld drucken
können, wie sie wollen, ohne dafür echtes Geld gespart zu haben (siehe 5.43).

Mährholz‘ Forderungen im April hatten zwar ihre Makel, doch zeigten sie in die
richtige Richtung. Die Abschaffung der FED hätte die Logiklücken in den anderen
Forderungen sowieso kompensiert, vorausgesetzt, man wollte die FED nicht mit einer
anderen Zentralbank ersetzen, sondern den Menschen die freie Geldwahl überlassen.
Seine Demo zeichnete sich durch ihre politische Farblosigkeit aus und war offen für
Verbesserungsvorschläge. Leider hörte Mährholz nicht auf die konstruktive Kritik von
libertärer Seite. Stattdessen manövrierte er die Mahnwachen wieder in die Richtung
einer linken Mainstream-Demo.

D.1. Die Mahnwachen im Visier der organisierten Linken

Nun kommt unser Protagonist Pedram Shahyar ins Spiel. Pedram ist Deutsch-
Iraner und engagiert sich seit den frühen Neunzigern für politische Organisationen
aus dem linken Spektrum. In einem Interview mit der Berliner TAZ zum G8-Gipfel
2006 sagte Pedram: Mit 17 bin ich in eine trotzkistische Gruppe hineingeraten, zu
der ich zehn Jahre gehörte.?* In einem früherem Alter kann man sich kaum politisch
betätigen und das auch noch bei den in linken Kreisen sehr umstrittenen Trotzkisten.
Die Organisation, der Pedram angehörte, nannte sich „Linksruck“. Die Ursprünge
von „Linksruck“ lagen in der Sozialistischen Arbeitergruppe (SAG), die in den
1970er Jahren unter dem Einfluss der britischen International Socialists (IS) in der
Bundesrepublik Deutschland gegründet wurde. Schon damals wurden Unkenrufe laut
wegen der Funktionalisierung Jugendlicher für die Parteipolitik der SAG.?* Das passt
mit Pedrams Beitritt in ungewöhnlich jungen Jahren zusammen. Die SAG wechselte
ihren Namen Anfang der 90er - also genau zum Zeitpunkt von Pedrams Beitritt - zu

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