D. Pedram Shahyar - Der Wolf im
Schafspelz der Mahnwachen

Berlin, Potsdamer Platz, Ostermontag, 21.04.2014: Anstatt die Feiertage mit einem
gemütlichen Spaziergang ausklingen zu lassen, haben sich 5000 Menschen in Berlin
versammelt, um gegen die Mächtigen dieser Welt auf einer Demo namens „Mahnwache
für den Frieden“ Flagge zu zeigen. Es ist ein bunter Haufen von Menschen, die auf
den ersten Blick wenig gemeinsam haben: Punks, Rentner, Studenten, Familienväter.
Was diese Menschen eint, die am an diesem wolkigen Montag auf dem Potsdamer
Platz erschienen sind, ist das dumpfe Gefühl, dass etwas in unserem Land gewaltig
schiefläuft: Die steigende Arbeitslosigkeit, die Eurokrise oder die furchtbaren Kriege
im Nahen Osten befeuern Zukunftsängste und eine allgemeine Unzufriedenheit, die
die Menschen zu dieser etwas anderen Montagsdemo auf die Straßen holt. Was die
Demo so speziell macht, ist die große Menge an politisch vollkommen unbefleckten
Teilnehmern, die sich als weder „links noch rechts“ bezeichnen und sich bis vor
kurzem kaum für Politik interessierten. Ebenfalls stark vertreten sind alternativ - vor
allem über das Internet - informierte Menschen, die von den Mainstream-Medien
gerne als „Verschwörungstheoretiker”“ bezeichnet werden und deren Meinung bisher
wenig Anklang bei gewerkschaftlichen oder parteipolitischen Demonstrationen
gefunden hatte. Der immer strahlende Veranstalter Lars Mährholz, ein Trainer für
Fallschirmspringer, hat, wie ein Großteil seines Publikums, keinerlei politischen
Hintergrund und meint, lediglich als besorgter Bürger auf die Straße zu gehen. Gerade
diese Politik-und-Ideologie-Freiheit macht den Charme dieser jungen Demonstrationen
aus, die am 21. April ihren vorläufigen Höhepunkt finden. Mährholz hatte die erste
Mahnwache am 17. März veranstaltet und nur einen Monat später drängten sich
begeisterte Besucherhorden vor Mährholz‘ Sprecherbühne.

Die Sprecher beschimpfen die deutschen Politiker als „Politikdarsteller“, die
lediglich bezahlt würden, um eine Show für die Medien abzuziehen. Mährholz fordert
die Abschaffung der Federal Reserve, die Abschaffung des Zinseszins, den Austritt aus
der NATO und das Ende der Medienlügen, besonders in der Ukraine-Krise.’'? Auch
Namen von einflussreichen Bankiersfamilien wie „Rothschild“ oder „Rockefeller“
machen hier die Runde. Es scheint hier mit rechten Dingen zuzugehen, und das ist
ausnahmsweise mal wörtlich gemeint, soll heißen: Die Mahnwachen sind anno April
2014 mit ihrer Kritik akkurater als jede andere Massendemo in Deutschland, obwohl es
auch hier bei den meisten Forderungen heißen muss: Knapp daneben ist auch vorbei.

Zwar sind die Forderungen der Mahnwachen aus libertärer Sicht ein Schritt
in die richtige Richtung, indem sie, im Gegensatz zu den großen Parteien im
Bundestag, auf das Geldsystem aufmerksam machen, doch leiden die Forderungen
von Lars Mährholz unter kleinen Denkfehlern.

Da das Funktionieren unseres modernen Geldsystems alles andere als trivial ist, kann
der Normalbürger schnell zu falschen Schlussfolgerungen geraten, wie es Lars Mährholz
bei seiner Forderung zur Abschaffung des Zinses und Zinseszinses passiert ist. Das
Problem in unserem Geldsystem ist, dass Banken Geld aus dem Nichts schöpfen und

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