Politiker und Ökonomen lassen zwar immer wieder verlautbaren, Europa sei
nicht abhängig von russischem Erdgas, doch Energieexperten schätzen die Situation
vollkommen unterschiedlich ein: Manche EU-Länder würden einen Lieferstopp nur
wenige Tage überstehen - auch Deutschland wäre hart getroffen. Heute ist Russland mit
einem Anteil von knapp 34 Prozent der wichtigste Gaslieferant der EU. Auch beim
Öl hängt Westeuropa mit 30 Prozent an Russlands Tropf. In Deutschland machen
die russischen Importe beim Gas 36 Prozent der eingeführten Menge aus, beim Öl sind
es sogar 39 Prozent. Im Winter 2011 drosselte Gazprom über Nacht seine Gasexporte
nach Europa. Für einige Tage floss bis zu 30 Prozent weniger Gas nach Europa als
üblich. Das führte im Jahr 2013 aufgrund der fehlenden Gasvorräte beinahe zu einem
deutschlandweiten Blackout.’” Das bedeutet, dass Putin die deutsche Infrastruktur
jederzeit mit dem Druck des Abzugs seiner Energiewaffe lahmlegen könnte. Das
passiert, wenn man die Energieproduktion Staaten überlässt. Sie wird zur Waffe in
deren Machtspiel. Die Verträge zwischen der deutschen und russischen Regierung
sind vollkommen wertlos, weil in Demokratien keine Eigenverantwortung für
die Einhaltung dieser Verträge existiert. Putin stellte der Ukraine das Gas ab und
sitzt bis heute im Amt. Morgen könnte er Deutschland das Gas abstellen, ohne
dafür negative Konsequenzen für seine Freiheit und sein Wohlergehen fürchten zu
müssen. Jedes Unternehmen, das sich so verhalten würde, wäre längst pleite.

Russland allein die Schuld für seine Machtspiele im Energiesektor zu geben, wäre
indes zu einfach gedacht. Die deutsche Politik hat sich selbst darum gekümmert, Putin
die Waffen Öl und Gas in die Hand zu legen. Die heutige Abhängigkeit von russischer
Energie ist vor allem auf die Politik von Ex-Kanzler Gerhard Schröder zurückzuführen,
der heute in den Diensten russischer Konzerne steht. Rot-Grün forcierte den Ausbau
der Ostsee-Pipeline, an der Gazprom mit 51 und die deutschen Konzerne E.ON und
BASF mit 49 Prozent beteiligt waren und die 2011 von Angela Merkel eingeweiht
wurde.*°! Doch wie passt Schröders 2006 angenommenes Engagement als Berater der
Investment-Bank Rothschild mit der Theorie zusammen, Putin führe einen Krieg gegen
die westlichen Banker? (siehe S.132) Nachdem Schröder im April 2014 seinen 70.
Geburtstag in St. Petersburg mit einer herzlichen Umarmung des Kreml-Chefs gefeiert
hatte, fand im Mai auf Einladung der Bankengruppe Rothschild eine weitere Feier
statt. Auf der Gästeliste des Festes stand auch der Name des russischen Botschafters
in Deutschland, Wladimir Grinin. Tanzt Schröder also auf zwei Hochzeiten - bzw.
Geburtstagen - oder gibt es möglicherweise gar keinen Interessenskonflikt zwischen
Putin und den Rothschilds? Ist die Abhängigkeit Deutschlands von russischem Öl nicht
in Wahrheit Teil einer großangelegten Strategie der Bankier-Familie? Schließlich war es
für Europa voraussehbar, was passieren würde, wenn man die eigene Energieversorgung
in russische Hände legt.

Auch die vom Staat erzwungene Energiewende ist ein Projekt, das schon in den
Siebzigerjahren von der Sowjetunion und dem amerikanischen Establishment in die
Wege geleitet wurde. Das sowjetische Politbüro-Mitglied Iwan Frolow, der zu
Gorbatschows wichtigstem Ökologieberater wurde, schrieb in einem Aufsatz
1989, dass die KPDSU auf ihrem 20. Parteitag 1956 beschlossen hatte, den

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