ihrem jahrzehntelangen Kontakt zu Russlands Präsidenten, der von Kritikern
wie dem Präsidentschaftskandidaten Iwan Rybkin mit gutem Recht als der
größte Oligarch von allen bezeichnet wird.” Sein pompöser Palast an der Küste
des Schwarzmeers wurde von Kritikern als eine Mischung aus „Versailles“ und
„Disneyland“ verspottet. Zur Ausstattung gehören ein Hubschrauberlandeplatz, eine
Wellness-Oase, zwei Theater und ein Spielcasino. Die Gesamtkosten werden auf fast
eine Milliarde geschätzt, und der Palast ist nicht die einzige Unterkunft Putins.?**
Die Firmen der Oligarchen, die Putin aus dem Land werfen ließ, waren zwar
korrupt und eng mit den staatlichen Strukturen vernetzt, doch trotz alledem weitaus
profitabler und marktwirtschaftlicher als Putins staatliche Kommandowirtschaft.
Putins Vertraute sehen die Kontrolle der Staatsunternehmen nicht als lästige
Beamtenpflicht, sondern stecken sich routinemäßig so manche Dollar-Millionen
in die eigene Tasche. Solche „Abzweigungen“ sind in Putins Russlands beinahe
Gewohnheitsrecht. Dass in staatlichen Industrien die Verluste verallgemeinert und die
Gewinne privatisiert werden, ist nach einem Jahrhundert kommunistischer Geschichte
mit hunderten Millionen Toten ausführlich dokumentiert. Ungeachtet dessen
erdreisten sich die deutschen alternativen Medien, ihrem Publikum zu erzählen,
Putin habe die russische Wirtschaft durch die Enteignung der Oligarchen und der
Neuverstaatlichung vieler Unternehmen wieder stabilisiert. Es ist kaum in Worte zu
fassen, welch ein Ausmaß an Unkenntnis, Ignorantentum und Geschichtsleugnung
hinter dem Gedanken stecken, eine staatliche Wirtschaft würde für Wohlstand und
Stabilität sorgen. Doch leider glauben auch viele Russen an das Märchen, Putin habe
das von Jelzin geraubte Staatseigentum endlich wieder in die Hände des Volkes gelegt.
Christoph Hörstel lobte die Verstaatlichung durch Putin und sprach folgendermaßen
über die drei Oligarchen, die Putin aus dem Land warf: Es gibt in Russland so eine
aufstrebende, junge Klasse, die werden von den etwas älteren Russen auch gern ‚die
Liberalen‘ genannt. Das sind eigentlich Wirtschaftsliberale. Das sind große Selbstbereicherer.
Denen fehlen bestimmte soziale Gedanken und unter Umständen ausverkauft man
auch mal - so wie Chodorkowski das gemacht hat, so wie es auch Nemzow betrieben
hat - russische Interessen an einen gut bezablenden Westen.” Immerhin bildeten die
Oligarchen bei oberflichlicher Betrachtung des russischen Apparats ein Gegengewicht
zu den machthungrigen Kommunisten und Putins Geheimdienstclique. Ihre
Unternehmen arbeiteten effizienter als die Staatsunternehmen und sie befiirworteten
eine etwas sanftere Diktatur, von der sie profitieren konnten. Putins Maßnahmen
ähneln der Re-Kollektivierung der russischen Wirtschaft unter Stalin. Auch damals
wurde Stalins autoritirer Führungsstil und sein Kampf gegen die „Korruption“ von
vielen Russen beklatscht. Das kleine Maß an wirtschaftlicher Freiheit von Lenins NEP
ab 1921 wurde abgeschafft und ab 1929 wurden die Russen wieder zum Hungern
verurteilt. Jedes Volk, das vom Korporatismus getäuscht wurde, fordert darauf die
harte Hand des Staates und muss später bitter dafür bezahlen. Die Entwicklung
von Korporatismus zu Sozialismus/Kommunismus ist kaum zu verhindern, wenn
man die Menschen nicht vernünftig über das System, in dem sie leben, aufklirt

(siehe S.56).


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