Gefälle zwischen Arm und Reich birgt enormes Unruhepotenzial, da die neue
russische Oberschicht im Gegensatz zum Sowjetsystem ihren Reichtum nicht mehr
verstecken muss und mit ihren Besitztümern prahlt. Damit legen die Oligarchen ihre
Finger auf die Wunden einer ausgezehrten russischen Bevölkerung, die in dem Irrtum
gefangen ist, seit dem Fall des Eisernen Vorhangs in einem kapitalistischen System zu
leben.

C3. Putins Reichtümer

Der mächtigste Oligarch des Landes ist aber zweifellos Wladimir Putin, der
als Präsident erstens jederzeit jeden Oligarchen absetzen kann (siehe S.139) und
zweitens den immer noch riesigen staatlichen Industriekomplex kontrolliert. Die
alternativen Medien bezeichnen die Oligarchen, die Putin aus Russland entfernt
hat gerne als „korrupt“, verzichten jedoch darauf, in Putins Vergangenheit zu
stöbern. Als im Winter 1991 in St. Petersburg die Lebensmittel knapp wurden,
erhielt die Stadt von der Regierung Rohstoffkontingente zugeteilt, die im Ausland
gegen Lebensmittel eingetauscht werden sollten. So sollte die Grundversorgung
mit Lebensmitteln aufrechterhalten werden. Die Stadtverwaltung bekam von der
Regierung sogenannte „Exportlizenzen“ zugeteilt, mit der sie Rohstoffe im Wert
von 124 Millionen Dollar gegen Nahrungsmittel tauschen durfte. Wladimir Putin
wurde vom Petersburger Bürgermeister Anatoli Sobtschak ausgewählt, um die für
viele Petersburger überlebenswichtigen Lebensmittelgeschäfte zu übernehmen. 1992
untersuchte ein Ausschuss des Stadtparlaments das Geschäftsgebaren Putins. Er
kam zu dem Schluss, Putin habe Exportlizenzen an Scheinfirmen vergeben, die
gleich darauf wieder verschwunden seien, habe diesen Firmen für die Abwicklung
von Warentauschgeschäften ungewöhnlich hohe Kommissionen zugestanden;
zudem seien viele der Rohstoffe im Ausland für einen Bruchteil des tatsächlichen
Preises verkauft worden.“ Putin hatte nur einen Bruchteil der Exportlizenzen in
Lebensmittel umgemünzt und den Großteil davon abgezweigt. Wer weiß, wie
viele Einwohner St. Petersburgs aufgrund von Putins korruptem Verhalten den
Hungertod fanden. Nutznießer der Exportlizenzen waren Firmen, die man Putins
engen Vertrauten Wladimir Jakunin und Juri Kowaltschuk zuordnen konnte. Beide
leben heute mit Wladimir Putin in einer Datschen-Siedlung vor den Toren St.
Petersburgs. Der exklusive Personenkreis, der die abgeschirmten Anwesen vor der
alten Zarenstadt bewohnt, liest sich wie ein kleines „Who is Who“ des heutigen
Russlands. Eine Vielzahl der dort lebenden wohlhabenden Geschäftsmänner und
Beamten gehört seit langem zu den engsten Vertrauten Wladimir Putins. Die
Vergabe von Exportlizenzen ist nur eines von vielen Beispielen, wie Putin in
seiner Beamtenkarriere seinen Freundeskreis mit Millionensummen begünstigte.
Das Bemerkenswerteste an Russlands neuer Elite sei, dass ein bestimmter Kreis von
Personen, die seit Jahren miteinander bekannt sind, zum Eigentümer des russischen
Staates wurde, sagt Andrej Illarionow, ebenfalls aus St. Petersburg und bis 2005
selbst Berater Putins im Kreml.** Die neue Kaste der Oligarchen profitiert von

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