Decke und schützt deren Anführer. Da Russland territorial ein riesiges Land ist, in
dem das Machtmonopol nicht überall eingreifen kann, ist es manchmal geschickter,
einer kriminellen Bande einen Teil des Machtmonopols zu überlassen und sie autonom
handeln zu lassen. Mafiabanden, die aus dem Ruder laufen, können allerdings jederzeit
aus dem Verkehr gezogen werden, da sie offiziell Kriminelle sind, deren Verfolgung
legitim erscheint. Bei der Bevölkerung, die nichts über die symbiotischen Beziehungen
zwischen dem Staat und der Mafıa weiß, genießt die Verbrecherwelt indes teils hohen
Respekt, da sie sich, oberflächlich betrachtet, dem korrupten System widersetzt. In
russischen Fernsehserien werden die Verbrecher absichtlich als die Sympathieträger
dargestellt, die keine andere Wahl haben, als ihre Probleme mit Gewalt zu lösen.
Kriminalität wird in Russland als normal vermarktet, wobei man die opferlosen
Verbrechen wie Drogenhandel Schmuggel oder Prostitution mit echter Gewalt
vermischt. Der Verkauf von Drogen oder des eigenen Körpers an eine Person verletzt
die natürlichen Rechte (siehe S.27) des Verkäufers und der kaufenden Person nicht,
solange dies freiwillig geschieht. Staaten erklären die opferlosen Tausch-Handlungen
wie Drogenhandel und Prostitution, die von vielen Menschen als unmoralisch
verurteilt werden, für illegal. So haben sie erstens einen Grund, ihre Bürger im
Namen der Moral zu überwachen. Zweitens fördern sie damit die Verletzung von
Eigentumsrechten: Wenn man Drogenhandel und Prostitution gesetzlich mit Gewalt
und Diebstahl gleichsetzt, sinkt die Hemmschwelle, auch zu Diebstahl und Gewalt zu
greifen. Der Drogendealer wird sich sagen: „Da ich Drogen verkaufe, bin ich sowieso
schon kriminell, warum nicht auch noch andere verletzen oder beklauen, wenn ich
den Status des Verbrechers sowieso schon habe?“ Dazu kommt die Enteignung durch
den Staat mit Steuern, Regulierungen und Inflation, die die Verzweiflung der Russen
wachsen lässt und die Hemmschwelle zur Kriminalität weiter absenkt. Der Staat hat
kein Interesse an weniger Kriminalität, da er mit jedem kriminellen Akt seine illegitime
Schutzfunktion rechtfertigen und seinen Machtbereich ausdehnen kann.” So wundert
es nicht, dass unter russischen Schülern das Banditentum zum Traumberuf Nummer
eins aufstieg. Der Durchschnittsrusse sieht sich von den Ungerechtigkeiten des Lebens
zu mehr oder weniger gewalttätigen Eskapaden gezwungen.

So werden die russische Regierungs- und Geheimdienstnomenklatura
sowie die eng mit staatlichen Strukturen vernetzten Oligarchen vor der
Unterschicht geschützt. So ist Wohlstand auch im neuen Russland das Privileg
einer Minderheit. Einer extrem reichen Elite steht eine extrem verarmte Masse
gegenüber, so wie es auch im Sowjetsystem der Fall gewesen war. Das riesige

* Hoppe schreibt: In deutlichem Gegensatz dazu [Er meint Rechtsschutz durch private Anbieter auf einem freien
Markt, Anm. der Autors] haben staatliche Zwangsmonopolisten, weil sie Opfer nicht entschädigen müssen und auf
Besteuerung als Finanzierungsquelle zurückgreifen können, kaum oder keinen Anreiz, Verbrechen zu verhindern oder
Beute sicherzustellen und Verbrecher zu fangen.”® Der Staat und die Mafia unterscheiden sich nur in der Reputation,
die sie bei ihren Opfern genießen. Ihre Haupteinnahmequelle ist die Schutzgelderpressung. Staat wie Mafia ver-
sprechen Sicherheit und fordern dafür eine Gebühr. Weder die Zahlung noch die Höhe ist dabei verhandelbar. Im
Zusammenhang mit der Mafia finden wir den Begriff „Schutzgelderpressung“ angemessen. Wenn man allerdings
die Steuern eines Staates so nennt, halten es die meisten für übertrieben polemisch.”® Im Vergleich zur Mafia
betreibt der Staat schlicht das bessere Marketing.

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