Gussinski vorwiegend massive Propagandaarbeit im Auftrag des Kremls leistete, galt
er als Wahrzeichen der Pressefreiheit. Gelegentlich strahlte der Sender - wohl gegen
der Willen Gussinskis - investigative Reportagen und Enthüllungsgeschichten aus, die
den Machthabern nicht schmecken konnten. Im März 2000 steckte der Sender seine
Nase zu tief in die Angelegenheiten des KGB: Er strahlte eine Polit- Talkshow mit dem
Namen „Unabhängige Untersuchung“ aus, in welcher der Fall Rjasan (siehe S.105 f.)
neu aufgearbeitet wurde. Zu Gast waren Bewohner des Wohnviertels in Rjasan, die
dem FSB die offizielle Erklärung nicht abkauften, er habe am 22. September 1999
eine Übung durchgeführt. Alexander Sergeew, ehemaliger Leiter der FSB-Abteilung
in Rjasan, verhedderte sich bei Fragen des Publikums in Widersprüche. Er bestand
darauf, dass sich in den Säcken in Rjasan Zucker befunden habe, obwohl weder
FSB- noch Polizeiexperten vor Ort die Substanz als Zucker erkennen konnten. Das
Publikum kam einhellig zu dem Schluss: Die Bombe war echt und mit der Absicht
platziert, den Kaukasus-Konflikt zu verschärfen. Ein Botschafter des Kremls hatte nach
Aufzeichnung der Show am 23. März 2000 gedroht, NTW zu zerstören, sollte die
Sendung ausgestrahlt werden. Am 24. März wurde die Show dennoch ausgestrahlt und
ein Millionenpublikum erfuhr von der gescheiterten False-flag-Attacke des FSB. Zwei
Tage später wurde Wladimir Putin zum neuen Präsidenten der Russischen Föderation
gewählt. Um eine erneute Blamage des FSB zu verhindern, machte er sich daran,
NTW und den Besitzer Gussinski zu zerstören. Am 11. Mai 2000 stürmten
maskierte, mit Maschinengewehren bewaffnete Polizisten die Büros von Gussinskis
Firma Media- MOST, der Muttergesellschaft von NTW. Die Bundesanwaltschaft
ermittelte wegen Betrugs gegen Gussinski. **> Es gehört zum russischen System, dass
Oligarchen, die nicht mitspielen, jederzeit der - schwammig definierten - „Korruption“
oder „illegaler Geschäfte“ bezichtigt werden können, da sogar ein Kleinunternehmer
dank der überbordenden russischen Bürokratie in die Lage eines „Verbrechers“ versetzt
wird. Gussinski war unter Putin vogelfrei, weil er nicht mitspielte. Nachdem er mehrere
Tage in Untersuchungshaft verbracht hatte, unterzeichnete Gussinski am 20. Juli eine
Vereinbarung darüber, seine Medienholding an Gazprom zu verkaufen. Er verließ
Russland sofort und ließ sich in seiner Villa im spanischen San Roque nieder. Später
sagte er, der Verkauf von NTW sei seiner Meinung nach null und nichtig, weil man ihn
zum Unterschreiben des Vertrags gezwungen habe.*°

Der Oligarch Beresowski mit seinem TV-Sender ORT katapultierte sich
kurze Zeit später ins politische Aus. Am 12. August 2000 ereignete sich während
eines Übungsmanövers eine gewaltige Explosion am Bord der Kursk - ein mit
Marschflugkörpern bestücktes Atom-U-Boot der russischen Nordmeerflotte. Die
Kursk mit ihrer 118 Mann - Besatzung an Bord sank auf den hundert Meter tiefen
Meeresboden. Mindestens 23 Menschen überlebten im Inneren des Bootes und
verbrachten mehrere Tage in qualvoller Enge auf dem Grund des Ozeans. Die ganze
Welt sah dem Fiasko zu, das für Putin zu einer riesigen PR-Katastrophe werden sollte.*°°
Beresowskis ORT blieb nichts anderes übrig, als über die Katastrophe zu berichten.
Putin befand sich zu diesem Zeitpunkt im Urlaub und die russische Regierung bekam
keine Rettungsaktion für die zunächst überlebenden Soldaten zustande. ORT zeigte

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