umstrittenen Anschläge einzugehen. Stattdessen ging Kowaljow auf die mehreren
hundert dokumentierten Fälle von russischen Todesschwadronen, standrechtlichen
Hinrichtungen, Entführungen und Folterungen ein. Kowaljow war unbegreiflich, wie
George W. Bush dies fördern konnte, indem er Putin als Demokraten und Freund
bezeichnete.” Doch zu diesem Zeitpunkt waren die USA bereits mit gleichwertigen
Kriegsverbrechen in Irak und Afghanistan beschäftigt, die Russlands Verbrechen in der
_ öffentlichen Wahrnehmung plötzlich irrelevant machten. So fehlten in humanitärer
Hinsicht die Argumente, um Russland zu verurteilen. Gleichzeitig verzichtete Putin
darauf, zu den Konsequenzen des Irak-Kriegs Stellung zu beziehen. Schließlich bot
der Irak-Krieg Putin die ideale Gelegenheit, seine Kriegsverbrechen hinter dem
von Bush erklärten „Internatiolen Krieg gegen den Terror“ zu verstecken. Die USA
bezeichneten den Krieg gegen Tschetschenien nun als ,Anti-Terror-Aktion®. Damit
konnte Russland sehr gut leben. Tom Graham, Bushs wichtigster Russlandberater, wies
Kowaljow mit folgenden Worten ab: Verschwende deine Zeit nicht damit, uns über Putin
aufzuklären. Wir machen uns keine Illusionen über ihn. Wir wissen bereits alles, was du
berichten willst. Womöglich wissen wir sogar mehr als du. Aber wir können euch nicht
helfen. Unsere Russland-Politik folgt nun mal anderen Prioritäten, egal, ob mir das nun
gefällt oder nicht.” Kowaljow verließ Washington ähnlich frustriert wie Juschenkow.

Auch Anna Politkowskaja, die mutige Tschetschenien-Korrespondentin, die später -
als Verfechterin der russischen Pressefreiheit und Kritikerin des Kriegs von Putin’schen
Handlangern ermordet wurde, stand dem roten Teppich, der Putin in allen westlichen
Demokratien ausgerollt wurde, fassungslos gegenüber. Ihr Buch „In Putins Russland“
aus dem Jahr 2005 war nicht nur ein Manifest gegen die Zerstörung des letzten Rests
von Rechtsstaatlichkeit durch Putins Machtapparat, sondern auch eine scharfe Kritik
am Westen, der diese Verbrechen tolerierte. Bei ihrem Deutschlandbesuch im Jahr
2005 auf der Leipziger Buchmesse empörte sie sich über die „Zwillingsbruderschaft“
von Putin und Kanzler Schröder, die bis zum heutigen Tag andauert. Bis zu ihrem Tod
2006 bekam Politkowskaja kaum Unterstützung aus Europa oder den USA, obwohl
ihre Hilferufe kaum zu überhören waren. Doch heute im Jahr 2015, wo Putin zum
neuen internationalen Bösewicht erklärt wurde, wird der Mord an Politkowskaja von
der scheinheiligen westlichen Presse nur neu belebt, um den Konflikt mit Russland
eskalieren zu lassen, aber nicht um die idealistische Arbeit der Journalistin zu würdigen.
Die erschreckende Tatsache, dass der Westen keine echte Unterstützung für die russische
Opposition leistete, führte viele der russischen Menschenrechtler zu der bitteren, doch
leider wahren Erkenntnis, dass das Abendland selbst dabei war, seine humanistischen
Prinzipien wieder aufzugeben und die antidemokratischen Entwicklungen in Russland
indirekt unterstützte. Die russische Opposition bekam zu wenig Unterstützung im
eigenen Land und musste sich deswegen an ausländische Regierungen, Organisationen
oder Presseorgane wenden. Die bittere Enttäuschung folgte immer wieder auf dem
Fuß, da der Westen die Hilferufe mit Desinteresse strafte. Für viele Russen war es
ein Schlag in Gesicht, als sie sehen mussten, wie sich die westlichen und östlichen
Eliten im Fernsehen auf die Schulter klopften.

Noch im November 2010 formulierte Putin - bzw. dessen Schreiber - in der

131