eingesetzt, um Stimmung gegen Europa und Amerika zu machen. In gefühlt jeder
zweiten Rede russischer Militär-Apparatschiks wird vor der militärischen Macht
der NATO gewarnt, die ihren Einflussbereich auf unredliche Weise den russischen
Grenzen annähert. Putinversteher wie Jürgen Elsässer machen dieses Codewort
russischer Kriegshetze nun auch im Westen populär. Eines der Youtube-Videos
von Elsässer trägt den Titel Putin und Russland: Im Visier des NATO-Faschismus, die
„Compact“ titelte in Ausgabe 03/15: Stoppt Putin die NATO? Ein Mann will Frieden.
Angeblich habe die böse NATO 1994 ihre Zusicherungen an Moskau gebrochen, die
der amerikanische Außenminister Baker am Vorabend der Vereinigung Deutschlands
der damaligen Sowjetunion gegeben habe. So habe Baker zugestimmt, die NATO keinen
Daumen breit Richtung Osten auszuweiten, wie Michail Gorbatschow sich erinnerte.“
Auf ihrem Gipfel am 10. Januar 1994 verkündete die NATO dann doch, sie sei für
neue Mitglieder offen. Russland empfand es als enorme Demütigung, als die ehemaligen
Mitglieder des Warschauer Pakts Polen, Tschechien und Ungarn 1999 der NATO
beitraten. Deshalb hat die russische Propaganda-Maschinerie bis heute nicht aufgehört,
ihre Warnungen vor der bedrohlichen NATO-Expansion gebetsmühlenartig zu
wiederholen. Die angebliche Zusage der USA ist nirgends dokumentiert und damit
weder nachweisbar noch völkerrechtlich verbindlich. Zudem wäre sie gegenüber
der Sowjetunion erfolgt, die zwischenzeitlich zerfallen ist, und die Erweiterung erfolgte
nicht auf Initiative der NATO, sondern auf der der beitretenden Länder.“ Verträge
zwischen Staaten sind zwar immer illegitim, da der Staat nicht der Repräsentant seiner
Bürger sein kann, dennoch ist die Kritik an der NATO-Expansion sogar unsinnig,
wenn man von der Legitimität der Staatenbünde ausgeht.

Die Putinversteher weltweit eint ihre Verachtung für die NATO und ihre
Befürwortung der Vereinten Nationen (UN). In Elsässers Kopf ist das lang
gehegte Ziel der USA die Ausschaltung der UN, um mit der NATO den Erdball
mit imperialistischen Kriegen zu überziehen. Der Druck aus Washington bzw. dem
Brüsseler NATO-Hauptquartier zwinge auch Deutschland wieder, außenpolitisch in
die Offensive zu gehen. In seinem Buch „Der deutsche Sonderweg“ aus dem Jahr 2003
übte Elsässer noch Kritik an der Wiedervereinigung und warf Deutschland nach der
Bombardierung Jugoslawiens vor, dort anzuknüpfen, wo das Dritte Reich aufgehört
habe. Elsässer meinte, dass der von den USA nach dem Krieg in Deutschland installierte
Kapitalismus zwangsläufig zu neuen kolonialen Abenteuern Deutschlands führen
müsse. Spätestens mit dem Ende der Sowjetunion und der Wiedervereinigung sei der
Weg wieder frei für ein kriegerisches Deutschland als Vasall der NATO und der USA.
Weil Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg den Kapitalismus nicht überwunden
habe, müsste es zwangsläufig wieder zu einem Krieg kommen. Elsässer ging von
dem vollkommen falschen Axiom aus, Kapitalismus führe zwangsläufig zu neuen
imperialistischen Kriegen. Seine Schlussfolgerung anno 2003 ist an Radikalität aber
kaum zu überbieten: Deutschland hätte geteilt bleiben müssen, damit es nicht
wieder in den Krieg zieht! Das impliziert, dass Elsässer in der Sowjetunion einen
Garant für den Weltfrieden sah. Fast so wie Putin, der im April 2005 das Ende der
Sowjetunion als größte geopolitische Katastrophe**® des 20. Jahrhunderts bezeichnete.

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