Sowjetunion, in der der Staatsapparat den Untertanen verkaufte, ihr Land sei nur so
von Feinden umringt, weshalb sie keine andere Wahl hätten, als für die Sowjetunion
zu kämpfen.

Schon Lenin hatte behauptet, die Sowjetunion werde vom Westen isoliert, obwohl
die westlichen Alliierten, aber auch Deutschland (Hitler-Stalin-Pakt) im Ersten und
Zweiten Weltkrieg mit ihr paktierten. Stalin warnte nach dem Zweiten Weltkrieg vor
der Gefahr einer Einkreisung Russlands durch die westliche Bedrohung.“ Um dieser
akuten Gefahr Einhalt zu gebieten, müsse das russische Volk sich in Geduld und
Disziplin üben und gemeinsam am schnellen Wiederaufbau der vom Krieg zerstörten
Sowjetunion mitwirken, anstatt auf die Besserung seiner Lebenshaltung zu hoffen.
Die schnelle Sicherung Russlands gegen den kapitalistischen Feind stehe vor den
privaten Bedürfnissen der Russen. Damit rechtfertigte Stalin den erneuten Weg in
die Kommandowirtschaft und die von ihm erlassenen Fünfjahrespläne. Unter Stalins
Nachfolger wurde die Lügenkampagne der „Einkreisung Russlands“, welches sich nach
dem Zweiten Weltkrieg halb Europa unter den Nagel gerissen hatte, weitergeführt.
Der russische Regimegegner Wladimir Bukowski stellte 1982 in seinem Buch
„Pazifisten gegen den Frieden“ fest, dass der Kreml die Einkreisungslüge seit
Jahrzehnten dazu benutzt, seine horrenden Militärkosten zu rechtfertigen und
den Russen eine pathologische Furcht vor der kapitalistischen Welt einzuflifSen.”
Bukowski schrieb, man müsse bloß eine Weltkarte anschauen, um zu sehen, wie lächerlich
diese Theorie [Anm.: der Einkreisung Russlands] ist. Können wir ehrlich glauben, die
armen Kommunisten im Kreml seien so verängstigt, dass sie sich schützen müssen, indem sie
Truppen nach Kuba schicken, und kubanische Truppen nach Angola? Indem sie militärische
Ausrüstung und Berater nach Äthiopien und Vietnam schicken, und danach vietnamesische
Truppen nach Kambodscha? Schauen Sie die Karte nochmals an: Es ist ganz und gar nicht
offensichtlich, dass die UdSSR von feindlichen Mächten umzingelt wäre. Eher umgekehrt:
Die westliche Welt ist von den Horden der Kommunisten umzingelt.”*

Die Annäherung an die USA nach dem 11. September wirkt im Nachhinein fast
wie eine strategische Finte, um Zeit zu gewinnen. Die neue antiwestliche Propaganda
kommt auch im heutigen Westen besser an als die rassistische Angstmache vor
bärtigen Terroristen. Leider wächst deshalb die Anzahl der „Putinversteher“, die
glauben, Russland sei das arme Opfer westlicher Einkreisung. Dass sich Staaten wie die
Ukraine oder Georgien heute nach Westen orientieren, liegt zuallererst an Putins Politik
und nicht an der aggressiven Strategie des Westens. Wäre Russland nach der Perestroika
- wie versprochen - zu einem freien, kapitalistischen Land geworden, hätten sich enge,
freundschaftliche Handelsbeziehungen zwischen den ehemaligen Sowjetrepubliken
und dem neuen freien Russland entwickelt. Stattdessen fürchten die neu entstandenen
Staaten bis heute Repressionen der machthungrigen Kreml-Spitze. So wählten
Georgien und die Ukraine von zwei schlechten Optionen die bessere und streckten ihre
Hände in den Westen aus - so die offizielle Geschichte (siehe S.223). Wladimir Putin
kann seinem Volk damit weiterhin weismachen, die USA würden die Länder an den
Grenzen Russlands eines nach dem anderen übernehmen, um dann zum großen Schlag
gegen Mutter Russland selbst auszuholen. Putin hat sicherlich nicht ganz Unrecht,

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