Dugin hat Dutzende Bücher publiziert, darunter sein Hauptwerk „Grundlagen
der Geopolitik“, das angehenden Generalstabsofhzieren in Russland als Lehrbuch
dient. Die Absolventen seiner “Sommerlager” haben die Angewohnheit, wenige
Jahre später als Kommandanten in bewaffneten Konflikten wie in der Ostukraine
aufzutauchen.?!” Zwar behauptet er, Putin gar nicht zu kennen, aber er ist Berater des
Parlamentspräsidenten, hat ranghohe Freunde in der Präsidialadministration, und seit
langer Zeit darf der Intellektuelle immer öfter im staatlichen Fernsehen auftreten.*'°
Putin-Gegner nannte er in einem Spiegel-Interview psychisch Kranke.“° Die von ihm
vertretene Weltanschauung des Neo-Eurasismus, die zweifellos ihren Weg in die heutige
Politik- und Medienlandschaft Russlands gefunden hat, fasst er so zusammen: Das
Ziel des vollendeten Eurasismus ist ein Europa von Lissabon bis Wladiwostok, ein grofSes
Eurasisches Kontinentalreich.”*® In den 90ern war Dugin noch ein bekennender Faschist,
der für Hitler und die Waffen-SS schwärmte. Heute gibt er sich als ,,Konservativer”
aus. Also ein Elsässer von rechts. Dugins Netzwerk versucht sowohl die radikalen
Rechten als auch die konservativen Kräfte im Westen für den Kreml zu mobilisieren.
Hätte Jutta Ditfurth (siehe S.121) wenigstens die Verbindung Elsässers zu Dugin bei
ihrem Antisemitismus- Vorwurf hervorgehoben, dann hätte sie ihre Anschuldigungen
immerhin begründen können.

Der Trick ist immer derselbe: Die von Moskau gestützten „Konservativen“
prangern den Verfall des Westens an und liefern dabei auch sehr häufig die richtigen
Argumente: Zu hohe Steuern, erzwungene Immigration oder korrupte Politiker.
In einem Nebensatz erwähnen sie dann, dass Putin dies in Russland bekämpfen
würde. Da sie die Themen ansprechen, die die etablierten Parteien meiden,
gewinnen sie bei einem hohen Prozentsatz des Publikums an Glaubwürdigkeit. Da
ihre Aussagen zur Lage des Landes, in dem sie Wahlkampf betreiben, glaubwürdiger
sind als die der Establishment-Politiker und der Mainstream-Presse, glaubt das
Publikum ihnen auch, wenn sie Putin lobend erwähnen. Rechtsaußenpolitiker wie
Österreichs H.C. Strache oder die Le Pen-Enkelin Marion Maréchal-Le Pen nahmen
nachweislich im Juni 2014 an einer großrussischen Konferenz in Wien teil und
lauschten den Worten Dugins, der sich für ihre Treue bedankte. Die Presse sprach von
einem Geheimtreffen, was bedeuten muss, dass solche Treffen eigentlich nicht für die
Öffentlichkeit vorgesehen sind. Der Schweizer „Tagesanzeiger“ war zufällig auf das
Treffen aufmerksam geworden und berichtete. Gastgeber des Treffens war der russische
Oligarch Konstantin Malofeew, Inhaber des Investmentfonds „Marshall Capital“,
der direkten Kontakt zu Putin hat und im Verdacht steht, dass er die prorussischen
Separatisten in der Ukraine finanziere.?"” So viel zur Entmachtung der Oligarchen.

Dugin ist in seiner Wortwahl jedoch weitaus radikaler als die meisten
russlandfreundlichen Politiker der konservativen Achse. Er versucht gar nicht erst,
Logik und Vernunft vorzutduschen Er lässt seinem Wahnsinn freien Lauf. 2014 in
einer Videobotschaft im russischen TV gingen endgiiltig die Pferde mit ihm durch, als
er sagte: Die Idee ist folgende: Wir müssen Europa erobern. Eingliedern und anschließen.”
Das Compact-Magazin, das Dugin 2013 ohne kritische Zwischenfragen interviewte,?*!
verkauft uns die russische GrofSmachtphantasie des wirren Dugin als „Frieden“ und

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