Jürgen Elsässer hat zu seinem konservativen Familienkongress rechtspopulistische
Größen wie Thilo Sarrazin und Eva Herman eingeladen, wenngleich Letztere später
absagte. Das Ziel der Konferenz ist es, den hohen Stellenwert der Familie zu betonen,
der schleichend aus dem Bewusstsein der Deutschen verschwindet. Vor zehn Jahren
hätte Elsässer seine Gäste wohl noch als reaktionär und fremdenfeindlich beschimpft,
heute spielt er für das Publikum den Bewahrer deutscher Souveränität und traditioneller
Werte. Die Souveränität Deutschlands bedeutet für Elsässer lediglich: Souveränität von
den USA. In „Der deutsche Sonderweg“ aus dem Jahr 2003 trauerte er der Abhängigkeit
Ostdeutschlands von der Sowjetunion nach, sprach sich für eine einheitliche EU-Armee
aus®'”’, äußerte sich gegen die Kritiker einer europäischen Einheitswährung,*?!! warnte
vor einem unabhängigen, wiedererstarkten Deutschland und forderte eine Eurasische
Union unter der Kontrolle Moskaus (siehe S.126). Im März 2015 bezeichnet das
Compact-Magazin die EU-Armee als Junckers Schnapsidee,* 2011 fordert Elsässers
Zeitung Zurück zur D-Mark - JetztP'? , auf der von ihm veranstalteten Souveränitäts(!)
konferenz 2012 stellt Elsässer die Frage: Wie wird Deutschland wieder souverän?“ Nur
an dem Ziel einer von Russland dominierten Eurasischen Union scheint sich nicht
viel verändert zu haben. Er habe eine Vision eines Europas freier Völker von Lissabon
bis Wladiwostok, formulierte es Elsässer im Gespräch mit Jurij Kofner, dem Chef der
eurasischen (!) Jugendbewegung (siehe S.131 f.).*>

Man könnte meinen, Elsässer habe von dem postsowjetischen Ultranationalisten
Alexander Dugin abgeschrieben, der als wichtiger Zuflüsterer des russischen
Präsidenten gilt. Dugin ist ein in Russland bekannter Publizist und Philosoph, der eng
mit dem Kremlapparat und den russischen Geheimdiensten vernetzt ist. Seine Eurasien-
Bewegung gründete er mit Peter Suslov, einem ehemaligen Oberst des FSB. Der Mann
mit dem weißen Bart ist ein strenger Gegner des Individualismus‘ und der liberalen
westlichen Gesellschaft. Als der „Spiegel“ ihn fragte: Kann es sein, dass Sie das Recht des
Kollektivs höher bewerten als die individuellen Menschenrechte, auf die der Westen pocht?,
antwortete Dugin: Im Westen stehen die Menschenrechte über denen des Kollektivs, in der
islamischen Welt steht die Religion höher als das Recht des Einzelnen, in Russland sind es
die Rechte der Gemeinschaft, kollektive Rechte.”'® Alle Unrechtsregimes bedienen sich
der unterschiedlichen Spielarten des Kollektivismus, d.h. Kommunismus, Sozialismus,
Faschismus. Kollektivismus bedeutet die Aufgabe der eigenen individuellen

Freiheit zugunsten des Kollektivs, der Masse der Menschen. Der Mensch muss
seine Bedürfnisse den Bedürfnissen der Gesamtheit unterordnen. Das Motto
des Kollektivismus‘ ist: „Du bist nichts, dein Volk (oder Staat) ist alles.“ Erst im
Kollektivismus wird der Mensch entmenschlicht und zum reinen Werkzeug des
Staates. Die Bedürfnisse des Einzelnen entsprechen jedoch niemals den Interessen der
Gesamtheit. Im Kollektivismus kann das Individuum nicht mehr entscheiden,

was ihm wichtiger oder weniger wichtig ist, und die gesamte Gesellschaft wird auf
ein Ziel ausgerichtet, dem sich jeder fügen muss. Dugins Kampf für mehr Staat und
weniger individuelle Rechte ist absolut radikal und fundamentalistisch.

* Die für Elsässer nur für Sicherheit in Europa sorgen kann, wenn sie ihre Strukturen getrennt von der NATO
aufbaut.

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