A.9. Der russische Faschismus, getarnt als der neue Konservatismus

Die Erschaffung des neuen Feindbilds des dunklen Kaukasiers fiel in Russland
auf noch viel fruchtbareren Boden als in den USA und Europa. Unter dem Zerfall
der Sowjetunion hatte der Nationalstolz vieler Russen gelitten, und deren Verlust
versuchten sie mit dem Gefühl ethnischer Überlegenheit zu kompensieren. Leider hat
sich nach fast 100 Jahren Diktatur die Ehrfurcht vor den Tyrannen in die russische
Nationalseele gefressen. Die irrationale Sehnsucht nach einem starken, unbeirrbaren
Führer, der die Nation in eine goldene Zukunft führen soll, ist im auch im heutigen
Russland noch gefährlich präsent. Dem Volksglauben nach ist der Herr im Kreml,
sei er nun Zar, Generalsekretär oder Präsident, von einer mystischen Aura namens
„wlast“ umgeben, was übersetzt in etwa „das Recht zu regieren“ bedeutet. Auf
diese Aura der Macht reagiert die Bevölkerung instinktiv mit einem gewissen Maß
an Demut und Respekt. Allen russischen Anführern haftete diese Eigenschaft an, die
ihnen ihre außergewöhnliche Autorität verlieh. Für die Russen gehören sie damit zu
einer langen inoffiziellen Herrscherdynastie, die von den Zaren über Lenin, Stalin,
Chruschtschow, Breschnew und Gorbatschow bis zu Wladimir Putin reicht. Daraus
ergab sich die krude Vorstellung, dass jedes Staatsoberhaupt einen neuen Erben zu
bestimmen hat, dem automatisch zwanzig bis vierzig Prozent der Wählerstimmen
winken. So geschah es auch bei Putin, der von Jelzin zu seinem Nachfolger ernannt
wurde. Und das, obwohl Jelzins Beliebtheit zu diesem Zeitpunkt kaum niedriger hätte
ausfallen können.“ Patriotismus, der eigentlich Wert legen sollte auf die eigene
kulturelle Identität, wird in Russland zu oft missverstanden als das Abgeben
der persönlichen Verantwortung an einen neuen politischen Führer. 70 Jahre
Kommunismus haben im russischen Freiheitsverständnis leider gefährliche
Defizite hinterlassen. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2014 ist es 48 Prozent
der Russen wichtiger, in einer Großmacht zu leben, die „geachtet und gefürchtet
wird“ als in einem Land mit mehr Wohlstand - das ziehen nur 47 Prozent vor.”
Das erklärt auch, warum der Kandidat der kommunistischen Partei 1996 bei den
Präsidentschaftswahlen nur knapp an einem Sieg vorbeischrammte. Diese positive
Grundhaltung gegenüber Autoritäten führt zu einem ungesunden Nationalstolz, der
sich häufig in radikalen Fremdenhass umwandelt. Die Bundeszentrale für politische
Bildung spricht von 542 rassistischen Morden sowie Tötungen von politischen Gegnern
von 2004 bis 2012, die auf das Konto extremer Nationalisten gehen.“ Nach Angaben
des Moskauer Menschenrechtsbüros leben in Russland 50 000 Skinheads, neben
tausend Mitgliedern anderer nationalistischer Organisationen.*® Russland übertrifft
Deutschland im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung bei Weitem, sowohl in der Zahl
der Rechten als auch der gewalttitiger Übergriffe.

Der russische Rassismus wird im Vergleich zum deutschen Rassismus von der
Regierung weitaus offensichtlicher gehegt und gepflegt. Während man in Deutschlands
Bundestag seit 1949 bestimmt keine einzige antisemitische Äußerung mehr hören
konnte, ging 2005 bei der russischen Generalstaatsanwaltschaft ein Brief mit über
500 Unterschriften, darunter auch 19 aus den Reihen der vom Kreml gesteuerten

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