(siehe S.93) einen künstlichen Feind zu erschaffen, der die Bürger von der fatalen
innenpolitischen Situation ablenkt: Putin gibt sich 1999 den Anschein des neuen
Hardliners, der sich gegen die Führung der endenden Jelzin-Ära stellt und ein
neues korruptionsfreies Zeitalter verspricht. Dabei wird Putin persönlich von Jelzin
als Nachfolger ausgewählt und vom Medienimperium von Jelzins Hausoligarchen
Boris Beresowski unterstützt. Putin schafft es, die Nation hinter sich zu scharen
und gegen einen gemeinsamen Feind zu mobilisieren. Das alte Unsicherheitsgefühl
der Russen wird durch eine neue Welle des Nationalismus hinweggespült, die von
den Medien des Oligarchen erzeugt wird, den Putin wenig später aus dem Land
werfen wird. Die russische Regierung hat durch ihr resolutes Durchgreifen gegen die
tschetschenischen Terroristen wieder Rückhalt in der Bevölkerung. Putin wird, nach
der Einnahme von Grosny im Februar 2000, im März mit der absoluten Mehrheit von
53 % zum neuen Präsidenten Russlands gewählt. Die Russen hoffen nach den Krisen
der Jelzin-Jahre auf einen zweiten Neubeginn in der Nach-Sowjetära, in dem Russland
zu nationaler Stärke zurückfinden soll.

A.8. Putin und Bush - Brüder im Geiste?

Nach seiner Wahl beginnt Putin, die russische Pressefreiheit massiv einzuschränken
und Russland in einen Polizeistaat zu transformieren. Öffentliche Kritik am Zweiten
Tschetschenienkrieg findet im Gegensatz zur Jelzin-Ära praktisch nicht mehr statt.
Knapp eineinhalb Jahre vor dem 11. September 2001 geht in Russland schon
das Terrorgespenst um, das jeden Tschetschenen als potenziellen Islamisten
und gewalttätigen Attentäter brandmarkt. Putin inszeniert sich als konsequenten
Patrioten, der kein Jota dazu bereit ist, den bösartigen Terroristen Eingeständnisse zu
machen. Es folgt die Verabschiedung neuer Anti-Terror-Gesetze und die Ausweitung
der Überwachung im Inland. Die internationale Gemeinschaft bezeichnet den Konflikt
1999 noch als „innerrussische Angelegenheit“ und überlässt die Tschetschenen ihrem
Schicksal.” Die UNO neigt dazu, die offizielle Version der russischen Behörden für
bare Münze zu nehmen. Da die Planungen für den internationalen Krieg gegen den
Terror bereits 1997 in der neokonservativen (siehe S.174 ff.) Denkfabrik „Project for
a New American Century” begonnen haben, tut die amerikanische Regierung einen
Teufel, Putins Verhalten in Tschetschenien zu verurteilen. Ganz im Gegenteil: Putin
liefert den Amerikanern die Blaupause für ihre radikalen Maßnahmen nach dem
11. September. George W. Bushs „Patriot Act“, der am 25. Oktober 2001 vom
Kongress im Zuge des Krieges gegen den Terrorismus verabschiedet wird, der die
Bürgerrechte der US-Amerikaner einschränkt und die Macht von Behörden wie
dem FBI und der CIA erweitert, ist Putins Anti-Terror-Gesetzen zum Verwechseln
ähnlich.

Nachdem die USA ihren eigenen Bassajew in der Person von Osama bin Laden
bekommen haben, wird Tschetschenien von Putin und Bush zu einem Hort des
internationalen Terrorismus ernannt. Als sich Putin und Bush im Juni 2001 zum
ersten Mal treffen, ist die Sympathie auf beiden Seiten groß. Bush bezeichnet Putin als

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