diese Ehrenpflicht noch nicht erfüllen müssen. Sein Privatleben ist allerdings total von
der Öffentlichkeit abgeschottet, so dass weiterer ehelicher oder unehelicher Nachwuchs
nicht auszuschließen ist.

Als Putin im August 1999 von Jelzin zum Premierminister ernannt wird, schwört
er, im Süden Russlands für Recht und Ordnung zu sorgen. Seine Stelle als FSB-
Direktor übernimmt Nikolai Patruschew, den eine alte Freundschaft aus KGB-Zeiten
mit Putin verbindet. Wer könnte leugnen, dass Putin etwas von den drei Wochen
später stattfindenden False-Flag-Attacken des FSB wusste, oder sie nicht sogar
selbst geplant oder bewilligt hat? Putin hatte kurz nach der Panne in Rjasan von
einem vereitelten Sprengstoffanschlag gesprochen. Einen Tag später übernahm er
plötzlich Patruschews Version, es habe sich um eine Terrorübung des FSB gehandelt.
Wenn Putin als Premierminister nichts von einer Übung wusste, hätte er den FSB-
Direktor Patruschew sofort entlassen müssen, denn laut russischer Verfassung
muss der Premierminister im Voraus darüber informiert werden. Patruschew behielt
aber sein Amt, woraus folgt: Putin wusste, dass der FSB in Rjasan einen Terroranschlag
durchführen wollte.

Die russische Bevölkerung fällt durch die Attentate des Septembers in eine
kollektive Trance, denn der fiir die meisten weit entfernte Tschetschenien-Krieg
ist für sie plötzlich zu einer realen Bedrohung mutiert. Dass es die Tschetschenen
gewesen sein müssen, wird als selbstverständlich hingenommen, denn nur ein
Bruchteil der Bevölkerung kann zu diesem Zeitpunkt, vor den Zeiten des Internets,
die brutale Intention einer Attacke unter falscher Flagge nachvollziehen.

Der zweite Tschetschenienkrieg wird zu Putins Sprung in den Präsidentensessel.
Die Medien der Oligarchen wie der Sender ORT von Beresowski beginnen mit der
Kriegspropaganda, die Führer und Land zusammenschweißen soll. Anfang 1999
herrschte in Russland eine drückende Endzeitstimmung durch die Auswirkungen
der Finanzkrise des vorherigen Jahres, die Millionen Russen erneut an das
Existenzminimum geführt hatte. Die Angst vor Arbeitslosigkeit, ausbleibenden
Lohnzahlungen und der grassierenden Kriminalität, hatte die Russen an die Grenzen
ihrer Belastbarkeit geführt. Der Hass auf die Jelzin-Regierung war auf dem Höhepunkt
- und das vollkommen zurecht. Wie wir aus unserer deutschen Geschichte wissen, ist
es für die korrupte politische Führung in solchen Momenten am besten, sich mit dem
aus Steuern erbeuteten Diebesgut zurückzuziehen und die Führung an einen neuen
energischen Politiker abzugeben, der verspricht, hart gegen die Probleme im Land
durchzugreifen. Sie wird sich darum kümmern, dass eine Person an die Macht kommt,
die sie nicht für ihre Ausbeutung des Gewaltmonopols zur Rechenschaft zieht, und die
darauffolgende Regierung wird es ihr gleichtun. Dabei spielt es keine Rolle, ob man einer
Langzeitstrategie folgt oder das Gewaltmonopol willkürlich ausgebeutet wird. Nach einer
Zeit des wirtschaftlichen Niedergangs, der sich als Marktwirtschaft und Demokratie
getarnt hat, kann die russische Regierung einschätzen, welchen Personentyp das Volk
als Jelzins Nachfolger wünscht. Sie wählt Putin aus, weil er eine Garantie dafür ist, dass
sie für die Ausplünderung des Gewaltmonopols nicht zur Rechenschaft gezogen wird.
Dazu ist es für die Regierung förderlich, nach dem Prinzip „Teile und Herrsche“

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