weiße Säcke abluden und in den Keller des Nachbarhauses trugen. Zuerst schob
die Regierung den Attentatsversuch ebenfalls auf tschetschenische Terroristen, doch
änderte sie ihre offizielle Einschätzung bezüglich des Vorfalls zwei Tage später, als die
Festnahme der mutmaßlichen Täter in vollem Gange war. Man erklärte, in Rjasan habe
es sich um einen Trainingseinsatz des FSB gehandelt und die Bombe sei nicht echt
gewesen.'’® Der angebliche Sprengstoff in den Säcken war harmloser Zucker, bekräftigte
der FSB-Direktor Nikolaj Patruschew, der Putin ca. 2 Monate zuvor abgelöst hatte.
Die Aussagen von Mietern, Polizisten und Sprengstoffexperten bestätigten jedoch, dass
es sich bei der gelblichen Substanz in den Säcken um Hexogen-Sprengstoff gehandelt
hatte, der auch bei den drei vorherigen Anschlägen zum Einsatz gekommen war.'”” Die
Liste an Widersprüchen, in die sich der FSB noch verhedderte, ist zu lang, um sie hier
abzuarbeiten. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Anschläge Putin als Vorwand
dienten, um Tschetschenien anzugreifen. Bücher wie „Eiszeit im Kreml“ des Ex-FSB-
Agenten und Beresowski-Vertrauten Alexander Litwinenko oder die Berichterstattung
der Moskauer Journalistin Anna Politkowskaja ließen keinen Zweifel an der Beteiligung
des FSB an den Anschlägen. Beide wurden im Jahr 2006 ermordet.

Dass Beresowski (siehe S.100) sich um eine Aufklärung der Attentate bemühte,
hatte nichts mit einer plötzlichen Entdeckung seines Gewissens zu tun. Er hatte sich
im vielmehr im Jahr 2000 mit Putin überworfen und musste Russland verlassen. Er
stilisierte sich später als Gegner des zweiten Tschetschenien-Kriegs, dabei hatte er
sich während des Krieges um Putins Wahlkampf gekümmert. Oder um deutlicher zu
werden: Ohne Beresowskis Unterstützung wäre Putin am 26. März 2000 nicht zum
Präsidenten gewählt worden. Beresowski wusste mit hoher Wahrscheinlichkeit schon
seit spätestens März 1999 über den geplanten Krieg Bescheid. Natürlich schwieg er
auch über die False-Flag-Attacken auf die Wohnhäuser. Doch als sich der FSB nach
dem gescheiterten vierten Anschlag vor ganz Russland blamierte, merkte Beresowski,
dass die Luft für ihn allmählich dünner wurde. Da er selbst an den Attentaten des FSB
nicht direkt beteiligt gewesen war, nutzte er deren Aufklärung nach seiner Flucht, um
Putin an den Pranger zu stellen. Da Verbrecher nicht dumm sind und sich stets mit
kompromittierendem Material gegenseitig erpressen, enthüllte der Kreml nach dem
Zerwürfnis mit Beresowski, wie er die radikalen Terroristen Bassajew und Udugow
unterstützt hatte. In dem Konflikt zwischen Beresowski und Putin gab es keinen
Guten und keinen Bösen. Beide waren/sind bis ins Mark bösartig und korrupt, nur
Beresowski wusste, wann der richtige Zeitpunkt gekommen war, um die Flucht zu
ergreifen. Im Jahr 1999 hatte Putin Beresowski noch als seinen Bruder bezeichnet'’,
doch im „Wettbewerb der Gauner“, wie Hans Hermann Hoppe die Politik bezeichnet,
hat solch eine Aussage nicht viel Gewicht.

Russland hat im September 1999 mit selbstgemachten False-Flag-Anschlägen
Terroristen erschaffen, die nicht davor zurückschreckten, russische Zivilisten weit
entfernt von Tschetschenien zu ermorden. Die Nation ist erschüttert über die laut
russischen Medien von Bassajew eingefädelten Attentate, es wird Vergeltung gefordert.
Obwohl der Islam eine Religion ist, die Gewalt zu ihrer Verbreitung befürwortet
(siehe S.201), stellt man sich die Frage: „Was dient es der Verbreitung des Islam, wenn

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