Das unterstreicht den in der von mir gewählten Beschreibung dargelegten Ablauf des

Korporatismus. Bei Problemen fordern die Arbeitnehmer irrigerweise eine Regulierung

des Staates anstatt einer Liberalisierung der Wirtschaft (siehe S.56). Putin winkte

Deripaska mit herablassender Geste heran und sagte: Ich sehe Ihre Unterschrift nicht.

Kommen Sie her und unterschreiben Sie"’* Putin wurde in ganz Russland und den

alternativen Medien dafür gefeiert, dass er sich in die Wirtschaft eingemischt hatte

und die Unternehmer zwang, die Produktion in dem anscheinend uneffektiven

Zementwerk fortzusetzen.'”* Dass Putin Fabriken und Industrien wieder unter die

Kontrolle des Staates stellt, passt exakt in die Phase 4 der Langzeitstrategie, in der

Putin die von ihm kontrollierten Industriezweige auch zur militärischen Produktion

einsetzen könnte. Die alternative Presse ignoriert diese Gefahr und beklatscht die

Resowjetisierung der russischen Wirtschaft. So sagt Jasinna, nachdem Putin Deripaska

in dem für die Medien inszenierten Schmierentheater zur Unterschrift des Vertrages

gezwungen hat: Ich kann autoritires Gehabe eigentlich nicht ab, aber es gibt Situationen,

wo es genau das braucht. [...] In diesem Fall sage ich: Korrekt gelaufen, hast du gut gemacht
Putin, Fabriken sind seitdem wieder gedffnet.'” Ein Wiederaufleben des Kommunismus

scheint für Jasinna tatsächlich die bessere Option für das heutige Russland zu sein als

Kapitalismus, denn die gerade noch verhinderte Wiederwahl der kommunistischen

Partei, Mitte der Neunziger, kommentiert sie so: Ja und was wäre denn gewesen, wenn

es wieder eher in ne kommunistische Richtung gegangen wäre. Genau: Man hätte dann auf
Boris Jelzin verzichten müssen, der die ganzen formal staatlichen Fabriken quasi zu nem

Schleuderpreis vertickert hat und mit der Aussicht [Aussicht der USA, Anm. der Autors]

auf günstige Ausbeutung russischer Bodenschätze wäre es dann auch erstmal wieder vorbei
gewesen. ‘>

A.7. Putins Massenmord im zweiten Tschetschenien-Krieg

Putin war der ideale Mann für den zweiten Tschetschenien-Krieg: Skrupellos,
strategisch, eiskalt und gehorsam. Auf Putin war Verlass. Seine 16-jährige Mitarbeit
beim sowjetischen Geheimdienst KGB hatte ihn geprägt und zu einem berechnenden
Kalten Krieger gemacht. Den finalen Grund für den zweiten Tschetschenien-Krieg
lieferte eine Serie von drei Sprengstoffanschlägen auf Wohnhäuser in Moskau
und der südrussischen Stadt Woldogonsk vom 9. bis zum 19. September 1999,
die trotz fehlender Beweise den Tschetschenen zugeschrieben wurden. Wie bei
den Anschlägen vom 11. September beschuldigte der FSB sofort die tschetschenischen
Rebellen, ohne die dafür nötigen Beweise gesammelt zu haben. Der russische Osama
bin Laden Bassajew und sein Komplize Chattab hätten die Attentate aus dem
tschetschenischen Gebirge koordiniert, so wie ihr Klon Osama bin Laden zwei Jahre
später aus einer Höhle in der afghanischen Wüste.

Am 23. September vereitelte die Polizei einen offenbar für den frühen Morgen
geplanten Anschlag auf ein Wohnhaus in Rjasan, einer Stadt knapp 200 Kilometer
südlich von Moskau. Ein Anwohner hatte die Polizei gerufen, nachdem er gesehen
hatte, wie zwei Männer und eine Frau aus ihrem Pkw mit verdächtigen Kennzeichen

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