dass Putin ihm, als er ihn mit den Pornoaufzeichnungen konfrontierte, sagte, auch
gegen ihn selbst gebe es solches ,Kompromat®.'® Wie der britische Independent im
Februar 2015 schrieb, sagte die Frau des KGB-Agenten Alexander Litwinenko,.
er habe kurz vor seinem Ableben einen Artikel geschrieben, der die Frage
stellte, warum Putin einem kleinen Jungen im Kreml sein T-Shirt hochzog
und dessen Bauchnabel küsste. Der Titel des Artikels war „Der Pädophile
im Kreml“.'”° War dies möglicherweise der wahre Grund für den Mord an
Litwinenko? Immerhin erwischte es seinen Finanzier Boris Beresowski erst sieben Jahre
später.

Eigentlich hatte Putin den Wunsch gehegt, die Spitze des Gazprom-Konzerns zu
übernehmen, was zeigt, dass Putin selbst gerne einer der von den alternativen Medien
verachteten Oligarchen geworden wäre. Doch vielleicht ließ das kompromittierende
Material dem uncharmanten, bleichen Apparatschik keine andere Wahl, als das
Präsidentenamt anzutreten. Der Mythos, Putin habe mit den Oligarchen aufgeräumt,
ist unter seinen Befürwortern weit verbreitet und wird in den frenetischen Lobeshymnen
auf den Präsidenten immer wieder hervorgeholt, um Putins Geradlinigkeit zu
untermauern. Um die populäre Youtuberin Jasinna stellvertretend für den Grundtenor
der alternativen Medien zu zitieren: 77a, so hatten sich das die Oligarchen, die Putin ja
ins Amt gepusht hatten, natürlich nicht vorgestellt. Da kommt also dieser unscheinbare
Putin, der ja nur ausgewählt wurde, um im Sinne der Oligarchen Gesetze abzunicken, und
sagt: ‚Ist ja nett, dass ihr mich unterstützt habt, ich wollte ja eigentlich gar kein Präsident
werden, aber, jetzt wo ich es schon mal bin, läuft alles ganz anders.“

Dabei hat sich Putin bis heute nur mit drei Oligarchen angelegt: Boris
Beresowski, Michail Chodorkowski und Wladimir Gussinski, alle drei nicht
weniger korrupt als der Rest, dafür vehemente Kritiker Putins. Die Geschäfte der
restlichen Oligarchen laufen weiterhin prichtig. Deren Namen werden in den westlichen
Medien auch keine Rolle spielen, solange sie nicht von Putin verfolgt werden oder
einen westlichen Fußballverein kaufen. Die Zahl der Oligarchen ist unter Putin sogar
gestiegen, da sich die alten Oligarchen in den Hintergrund zuriickzogen, wobei Putin
ihnen versprach, ihre Geschäfte nicht zu stören. Daneben entstand eine neue Oligarchen-
Kaste, die sich aus alten KGB-Vertrauten des Präsidenten zusammensetzt. !”* Nach einer
Studie aus dem Jahr 2005, als Putin schon alle ihm missliebigen Oligarchen entmachtet
hatte, war Russland das Land mit der größten sozialen Ungerechtigkeit in der Welt.
110 Oligarchen besaßen 35 Prozent des Haushaltsvermögens. Die Milliardärsdichte
in Russland war 15-mal höher als im weltweiten Durchschnitt. Heute hat sich daran
kaum etwas geändert.'”” Auch Jasinnas Argumentation, Putin sei von den Oligarchen
falsch eingeschätzt worden, ist vollkommen an den Haaren herbeigezogen. Die Politik
hatte immer die Oberhand über die Oligarchen und bestimmte die Oligarchen, die die
Pressekampagne für den von ihr favorisierten neuen Präsidenten organisieren sollten.
Jelzin entschied sich damals für Beresowski und Gussinski (siehe S.137 f.). Putin
entschied sich gegen die beiden und warf sie aus Russland. Die Oligarchen stehen
dem Machtmonopol nur nahe, sie haben es aber nicht. Schließlich kann Putin die

Oligarchen aus Russland werfen, aber sie ihn nicht.

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