alte Partei „Unser Haus Russland“, die sich nach fatalen Ergebnissen bei den
Parlamentswahlen 1999 (1,1%) auflöste, war auch „Einiges Russland“ eine von oben
gegründete Partei der Macht. Zahlreiche Mitglieder von Jelzins Partei wechselten später
zu Putins „Einiges Russland“. Hatte Beresowski zuvor noch „Unser Haus Russland“
unterstützt, galt seine Aufmerksamkeit ab 1999 voll und ganz Wladimir Putin.
Putin als Verbiindeter Jelzins organisierte 1995 die Petersburger Filiale von Jelzins Partei
„Unser Haus“ und organisierte die Wahlkampfkampagne der Partei bei den Wahlen
zur Duma.'° 2003 vergrößerte Putin den FSB um das Vierfache, indem er die 210 000
Mann starken Grenztruppen und die FAPSI - eine Behörde, die mit der amerikanischen
NSA vergleichbar ist - in den Geheimdienst integrierte. 2004 unterschrieb Putin
einen Erlass, der dem FSB wieder ähnliche Vollmachten verlieh wie einst dem KGB.
(siehe S.134)

Putin bewies Jelzin seine Treue, als er 1999 Generalstaatsanwalt Juri Skuratow
in sein Büro zitierte, der gegen die „Familie“ Jelzins ermittelte. Putin, damals
noch Geheimdienstchef, spielte ihm eine Video-Kassette vor, die Skuratow mit
zwei nackten jungen Damen in eindeutigen Posen zeigte, die man sich als höchster
Jurist des Landes kaum erlauben konnte. Skuratow erwies sich jedoch als bockig
und wollte nicht klein beigeben, weshalb der Streifen wenig später tatsächlich
auf dem Staatssender RTR gezeigt wurde. Skuratow blieb jedoch im Amt, da die
russische Verfassung verlangte, dass über seine Rücktrittserklärung abgestimmt wurde.
Das Oberhaus des russischen Parlaments verpasste Jelzin eine vernichtende Niederlage,
indem es sich für Skuratow entschied. Skuratow blieb und zerstörte in den folgenden
Monaten den letzten Rest an Glaubwürdigkeit, der Jelzin geblieben war. Jelzin
erklärte am Silvestertag 1999 mit Krokodilstränen in den Augen seinen Rücktritt
und machte Putin zu seinem Nachfolger, was ihm einen entscheidenden Vorteil
im Wahlkampf brachte. Putin hatte nun schon vor den Wahlen im März 2000
die Staatsmaschine unter Kontrolle, mit der er die Medien beeinflussen und die
Wahlen manipulieren konnte.

Zum Dank für die Übergabe der Macht garantierte Putin, noch am 31. Dezember
1999, mit seiner ersten Amtshandlung dem Jelzin-Clan per Ukas völlige Straffreiheit.
Putin war der Garant dafür, dass Jelzin nicht für seine Korruptionsvergehen zur
Rechenschaft gezogen wurde. Die Legenden, Putin wäre durch einen Zufall an die
Macht gelangt oder hätte mit seiner Partei den korrupten Jelzin verjagt, entpuppen
sich als heiße Luft. So sagte Jürgen Elsässer 2012, Putin habe den Ausverkauf Russlands
an westliche Konzerne, der unter Jelzin betrieben worden ist, gestoppt'®, was jeglicher
Grundlage entbehrt. Die bekannte Youtuberin Jasinna erklärte sich die Straffreiheit,
die Putin Jelzin gewährte, so: [Putins] erste Amtshandlung war es, diesem Jelzin einen
Quasi-Persilschein ausstellen zu lassen, damit man ihn nicht mehr für die vielen Toten zur
Verantwortung ziehen kann. Und warum Putin das gemacht hat, kann ich nicht sagen,
vielleicht aus falsch verstandener Loyalität, keine Ahnung, er soll da ja so drauf sein.'®
Nicht nur dass Putin Jelzin aus der Schussbahn nahm, vieles spricht dafür, dass Jelzins
„Familie“ bis heute kompromittierendes Material über den Präsidenten in den Händen
hält - als Faustpfand für dessen Treue. Generalstaatsanwalt Skuratow erinnerte sich,

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