Unabhängigkeit Tschetscheniens war für die russische Führung niemals vorgesehen.
Natürlich waren es wieder die aus Russland unterstützten radikalen Glaubenskrieger,
die durch terroristische Attentate ihr bestes taten, um die Verhandlungen zum Scheitern
zu bringen. Dieses Scheitern lag offensichtlich im Interesse Moskaus.

A.6. Der zweite Tschetschenien-Krieg und Putins Machtergreifung

Der halbwegs vernünftige Maschadow war nicht die Führungsfigur, gegen die man
einen zweiten Ischetschenien-Krieg rechtfertigen konnte. Als Präsident Maschadow
im März 1999 nur knapp einem Anschlag auf sein Leben entging, behauptete er später,
das Attentat sei das Ergebnis einer Verschwörung gewisser Kräfte in Moskau, genauer
gesagt des Inlandsgeheimdiensts FSB, den damals kein geringerer als Wladimir Putin
leitete. 2005 wurde der gemäßigte Ex-Präsident, der nach seiner Ablösung durch die
russische Marionette Kadyrow weiter für die Unabhängigkeit Tschetscheniens kämpfte,
bei einer Spezialoperation des russischen Inlandsgeheimdiensts FSB ermordet. Für
die Journalistin Anna Politkowskaja (siehe S.107) stellte Maschadow die einzige
tschetschenische Autorität dar, mit der man hätte verhandeln können.‘

Russland wollte einen Krieg gegen radikale Islamisten führen und nicht gegen
verhandlungsbereite, kooperative Moslems wie Maschadow. Maschadow fühlte sich
dennoch auf Druck der Islamisten genötigt, 1999 die Scharia einzuführen. Der
aggressive Vorstoß des Wahhabiten Bassajew nach Dagestan im August 1999 lieferte
den ersten Vorwand für die zweite Aggression der Russen gegen Tschetschenien.
Mit etwa 1000 bewaffneten Männern marschierte Bassajew in Dagestan ein,
um wie er meinte, einem Hilferuf lokaler Islamisten nachzukommen, die nach
den Regeln der Scharia zu leben wünschten. Die aufgebrachte Bevölkerung nahm
Bassajew jedoch nicht als Befreier wahr.'”” Als Drahtzieher hinter dem Angriff vermuten
manche Quellen den russischen Oligarchen Boris Beresowski, der Schamil Bassajew
1997 persönlich zwei Millionen Dollar Finanzhilfe im Namen der russischen Regierung
überreicht hatte. Ein Koffer voller Bargeld für den damals kurzzeitig in die Politik
gewechselten Warlord, angeblich für den Wiederaufbau seines Landes.'® Beresowski
hielt enge Beziehungen zu den tschetschenischen Führern des radikalen Flügels. Eine
Abschrift eines Gesprächs Beresowskis mit dem Warlord Udugow bewies, dass er schon
im Mai 1999 mit den Wahhabiten über ihre Invasion in Dagestan geprochen hatte.’
Udugow erzählte Beresowski, er wolle Bassajews Wahhabitenmiliz dazu aufstacheln, in
Dagestan für Unruhe zu sorgen und Russland zu einem örtlich begrenzten Militärschlag
zu provozieren. Dieser sollte zum Sturz von Maschadow führen, der vorhatte, den Staat
in den Westen zu integrieren. Danach sei die Bahn frei für eine Regierungskoalition
unter Bassajew und Udugow, die gerne bereit sei, bei der Unabhängigkeitsfrage einen
Schritt auf Moskau zuzugehen, und ausschließlich religiöse Autonomie verlange.'®?
Für Russland war es egal, unter welcher Religion sich der neue autoritäre, vom Kreml
kontrollierte Staat tarnen würde. Beresowski meinte später, er habe nicht viel von diesem
Plan gehalten. Doch trauen kann man einer solchen Aussage kaum. Er leitete Udugows
Aussagen an die Machthaber in im Kreml weiter, die sicher nichts gegen die Pläne des

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