ab 1991 den Versuch unternahm, Tschetschenien neu zu islamisieren. Anstatt sich
darauf zu konzentrieren, Tschetschenien zu einer unabhängigen Republik zu machen,
appellierte Dudajew zu einer Rückbesinnung auf die alte Religion, die zwischen den
Tschetschenen ein neues Gemeinschaftsgefühl schaffen sollte. Dabei war Dudajew
bis zum Untergang der Sowjetunion ein treuer Apparatschik des religionsfeindlichen
kommunistischen Regimes gewesen.

Obwohl Dudajew sich klar von den radikalen Islamisten distanzierte, führte seine
islamische Politik dazu, dass radikale Glaubenskrieger wie Schamil Bassajew, denen es
nicht um die Freiheit ihres Landes, sondern um die Propagierung des Islam und den
Kampf gegen die „Ungläubigen“ ging, in den Widerstand mit einbezogen wurden.
Damit hatte Russland die Rechtfertigung für die militärische Intervention im Jahre 1994,
denn Fanatiker wie Bassajew waren die Bedrohung, die man brauchte, um die eigene
Aggression zu rechtfertigen. Jelzins brutale Offensive im ersten Tschetschenien-Krieg
mit systematischer Bombardierung der Zivilbevölkerung und darauffolgenden
Plünderungen, willkürlichen Verhaftungen und Hinrichtungen, hinterließ eine
Opferzahl von ca. 100 000 Toten, allein auf tschetschenischer Seite. Das waren
nahezu 10 Prozent der damaligen Bevölkerung. Boris Jelzin hatte noch 1990 mitten
im Machtkampf gegen Gorbatschow den russischen Teilrepubliken vorgeschlagen, sich
so viel Souveränität zu nehmen, wie sie schlucken können. Nach diesen Aussagen träumten
die Tschetschenen von der lang ersehnten Loslösung von Moskau, die in Boris Jelzin,
dem vermeintlich liberalen Befreier Russlands, ihre Verkörperung fand. Vier Jahre
später bombte Boris Jelzin die tschetschenische Hauptstadt Grosny ins Mittelalter
zurück. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, zu welch dreisten Lügen Politiker bereit
sind, wenn es um die Gunst der Wähler geht.

Keine Tränen für Tschetschenien kommentierte Jürgen Elsässer am 11.
Dezember 1995 in der „Jungen Welt“ die ersten Kriegshandlungen, denn
Tschetschenien ist Teil des russischen Staates, so wie Kreuzberg Teil des deutschen
ist.'>° Das Völkerrecht, das die Annexion fremder Staaten verbietet, wird bei Elsässer
nur hervorgekramt, wenn die USA dieses Völkerrecht brechen.

Nach zwei Jahren, die auf russischer Seite 40.000 Soldaten das Leben kostete, verlor
Russland diesen Krieg allerdings. Am 6. August 1996 nahmen die tschetschenischen
Kämpfer die von den Russen in Schutt und Asche gelegte Hauptstadt Grosny wieder
ein. Nach dem Tod Dudajews, durch einen Anschlag der Russen, wurde am 27. Januar
der alte Generalstabschef Maschadow zum Präsidenten gewählt. Der Warlord Schamil
Bassajew kandidierte auch als Kandidat, doch verlor, da er mit seiner Dschihad-
Ideologie nicht die Mehrheit der Tschetschenen repräsentierte, die sich einfach nur
ein von Russland unabhängiges Tschetschenien wünschten. Die Tschetschenen wollten
nicht, dass der Wahhabit Bassajew das Land unter das Joch einer Theokratie brachte.
Der gemäßigte Maschadow schloss am 12. Mai 1997 einen Friedensvertrag mit Moskau
ab, in dem Russland „für immer“ die Gewaltanwendung ablehnte.

Zu Verträgen zwischen Staaten, die im Verlauf dieses Buches noch öfter thematisiert
werden, sei Folgendes gesagt: Der Bürger wird von seinem Staat gezwungen, ihm
Steuern zu zahlen und sich von ihm beschützen zu lassen. Da dies nicht auf einem

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