mussten
feststellen,
dass
in
ihren
alten
Wohnstätten
mittlerweile
Russen
und
Ukrainer
hausten. So entstanden automatisch ethnische Spannungen, die Stalin und sein
Nachfolger Chruschtschow brauchten, um die Völker des Imperiums gegeneinander
aufzuhetzen. (siehe S.218) Diese Strategie nennt sich „Divide et impera“ (Teile und
Herrsche) und geht auf den italienischen Philosophen Niccolo Machiavelli zurück,
der in seinem 1952 erschienen Buch „Der Fürst“ der Medici-Familie erklärte, wie sie
ihre Herrschaft ausüben sollte: Man müsse ein Volk in Gruppierungen einteilen und
Konflikte zwischen diesen Gruppierungen erzeugen, damit sie leichter zu beherrschen
seien,
hausten. So entstanden automatisch ethnische Spannungen, die Stalin und sein
Nachfolger Chruschtschow brauchten, um die Völker des Imperiums gegeneinander
aufzuhetzen. (siehe S.218) Diese Strategie nennt sich „Divide et impera“ (Teile und
Herrsche) und geht auf den italienischen Philosophen Niccolo Machiavelli zurück,
der in seinem 1952 erschienen Buch „Der Fürst“ der Medici-Familie erklärte, wie sie
ihre Herrschaft ausüben sollte: Man müsse ein Volk in Gruppierungen einteilen und
Konflikte zwischen diesen Gruppierungen erzeugen, damit sie leichter zu beherrschen
seien,
Im
Jahr
1993
war
die
Deportation
noch
in
den
Köpfen
jedes
Tschetschenen
präsent. Die ältere Generation hatte ihre Eltern, die jüngere ihre Großeltern bei der
Deportation verloren. Jetzt war die Chance gekommen, um sich endlich von der
russischen Großmacht zu befreien, die die Tschetschenen seit über einem Jahrhundert
malträtierte. Genau wie in Afghanistan hat der Islam in Tschetschenien eine lange
Tradition: Das bedeutete allerdings nicht, dass die Mehrheit der tschetschenischen
Bevölkerung ihn für einen neuen, unabhängigen tschetschenischen Staat forderte.
Auch in einem säkularen Staat hätte man den Islam praktizieren können. Oberste
Priorität hatte vor allem die Trennung von der russischen Vorherrschaft. Die russische
Führung konnte die Forderungen der Tschetschenen aber nicht akzeptieren und
da man sich nicht als Kolonialmacht darstellen wollte, nutzte man, genau wie die
Amerikaner in Afghanistan, den radikalen Islam als Türöffner für Tschetschenien.
Russland führte zwei brutale Kriege gegen die selbstbestimmte tschetschenische
Republik und riss die Region wieder an sich.
präsent. Die ältere Generation hatte ihre Eltern, die jüngere ihre Großeltern bei der
Deportation verloren. Jetzt war die Chance gekommen, um sich endlich von der
russischen Großmacht zu befreien, die die Tschetschenen seit über einem Jahrhundert
malträtierte. Genau wie in Afghanistan hat der Islam in Tschetschenien eine lange
Tradition: Das bedeutete allerdings nicht, dass die Mehrheit der tschetschenischen
Bevölkerung ihn für einen neuen, unabhängigen tschetschenischen Staat forderte.
Auch in einem säkularen Staat hätte man den Islam praktizieren können. Oberste
Priorität hatte vor allem die Trennung von der russischen Vorherrschaft. Die russische
Führung konnte die Forderungen der Tschetschenen aber nicht akzeptieren und
da man sich nicht als Kolonialmacht darstellen wollte, nutzte man, genau wie die
Amerikaner in Afghanistan, den radikalen Islam als Türöffner für Tschetschenien.
Russland führte zwei brutale Kriege gegen die selbstbestimmte tschetschenische
Republik und riss die Region wieder an sich.
Der
Tschetschene
Schamil
Bassajew
ist
der
russische
Osama
bin
Laden,
ein
unsichtbares Terrorphantom, das die russische Armee trotz aller Bemühungen nicht zu
fassen kriegt. Dabei ist der Kaukasus weitaus übersichtlicher als das riesige Afghanistan.
Wie bei Bin Laden, sticht auch bei Bassajew seine langjährige Beschäftigung im
Dienste des Staates ins Auge, den er später bekämpfen sollte: 1982 leistete Bassajew
seinen Grundwehrdienst in der russischen Luftwaffe. Während des August-Putsches im
August 1991 (siehe S.79) gehörte er, bewaffnet mit mehreren Handgranaten, zu den
Verteidigern des Weißen Hauses, in dem sich Boris Jelzin verschanzt hatte. Das war
logisch, denn die Putschisten, gegen die Jelzin kämpfte, forderten eine Wiederherstellung
der Sowjetunion und standen einem unabhängigen Tschetschenien im Weg. Mit Jelzin
war die Chance auf eine unabhängige Republik um ein Vielfaches größer als mit den
radikalen Kommunisten, die im August gegen Gorbatschow putschten. Nachdem
Jelzin die Putschisten besiegt hatte, enttäuschte er die tschetschenischen Nationalisten
allerdings, da er die Unabhängigkeit Tschetscheniens nicht anerkannte. Daraufhin trat
Bassajew in den kriegerischen Widerstand gegen Jelzin - so die offizielle Geschichte.
unsichtbares Terrorphantom, das die russische Armee trotz aller Bemühungen nicht zu
fassen kriegt. Dabei ist der Kaukasus weitaus übersichtlicher als das riesige Afghanistan.
Wie bei Bin Laden, sticht auch bei Bassajew seine langjährige Beschäftigung im
Dienste des Staates ins Auge, den er später bekämpfen sollte: 1982 leistete Bassajew
seinen Grundwehrdienst in der russischen Luftwaffe. Während des August-Putsches im
August 1991 (siehe S.79) gehörte er, bewaffnet mit mehreren Handgranaten, zu den
Verteidigern des Weißen Hauses, in dem sich Boris Jelzin verschanzt hatte. Das war
logisch, denn die Putschisten, gegen die Jelzin kämpfte, forderten eine Wiederherstellung
der Sowjetunion und standen einem unabhängigen Tschetschenien im Weg. Mit Jelzin
war die Chance auf eine unabhängige Republik um ein Vielfaches größer als mit den
radikalen Kommunisten, die im August gegen Gorbatschow putschten. Nachdem
Jelzin die Putschisten besiegt hatte, enttäuschte er die tschetschenischen Nationalisten
allerdings, da er die Unabhängigkeit Tschetscheniens nicht anerkannte. Daraufhin trat
Bassajew in den kriegerischen Widerstand gegen Jelzin - so die offizielle Geschichte.
Doch
genau
wie
im
Falle
von
Osama
bin
Laden
macht
die
offizielle
Geschichte
wenig Sinn, denn Bassajew begann seine militante Laufbahn 1992 als kaukasischer
Freiwilliger auf Seiten der von Moskau unterstützten abchasischen Freischärler
im Kampf gegen Georgien.!'%® Bassajew wurde für diese Mission zweifellos
vom russischen Militärgeheimdienst GRU, genau wie sein Bruder Schirwani,
wenig Sinn, denn Bassajew begann seine militante Laufbahn 1992 als kaukasischer
Freiwilliger auf Seiten der von Moskau unterstützten abchasischen Freischärler
im Kampf gegen Georgien.!'%® Bassajew wurde für diese Mission zweifellos
vom russischen Militärgeheimdienst GRU, genau wie sein Bruder Schirwani,
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