den eventuellen momentanen Aufenthaltsort ist sich auch Christoph Hörstel unsicher.
Er vermutet, der Terrorchef sei irgendwann in dem Zeitraum zwischen 2002 und 2011
gestorben, doch garantiert nicht bei dem Einsatz der Navy-Seals in Pakistan.

In seinem Buch „Brandherd Pakistan“ bringt Hörstel die Strategie der USA
auf den Punkt: Zur Legitimierung ihrer militärisch durchgesetzten strategischen
Hegemonialinteressen in Asien lassen die USA heimlich über pakistanische Geheimdienste
ihre Gegner hochpäppeln, die sie gleichzeitig durch gewaltsame Eingriffe zu steuern
versuchen. Dieses Doppelspiel sichert den ständigen Zuwachs an eigenen und verbündeten
Truppen in der Region, die dann dazu benutzt werden, weitergehende geschäftliche Ziele zu
erreichen.“ Wie immer spricht Hörstel nur von den USA, wenn es um hegemoniale
Interessen geht.

A.4. Schamil Bassajew - Das Terrorphantom Russlands

Wie sieht es eigentlich mit den hegemonialen Interessen Russlands aus?
SchließlichgehörtederGroßmachtgedankejahrhundertelangzum Selbstverständnis
der russischen Nation. Im 19. Jahrhundert konnte seine Landmasse fast mit dem
britischen Imperium mithalten, zumal Russlands Territorium nicht zerstückelt,
sondern zusammenhängend war. Die Sowjetunion wird von heutigen Historikern
komischerweise nicht als Imperium wahrgenommen, weil sie sich unter der Ideologie
des Kommunismus tarnte. Mit einem Sechstel der weltweiten Landmasse hatte Russland
in der Zeit der Sowjetunion seine weiteste Ausdehnung. Für Moskaus machthungrige
Nomenklatura stand der Untergang des Sowjetimperiums nur auf dem Papier. Der
Zusammenhalt der alten Sowjetunion sollte heimlich weiterbestehen. Deshalb versuchte
man nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, die Unabhängigkeitsbestrebungen der
ehemaligen Sowjetrepubliken so effektiv wie möglich zu bekämpfen. Eines der sich
neu entwickelnden Länder war Tschetschenien, das die Herrschaft der Russen nie
akzeptiert hatte und dessen Bevölkerung nun endlich einen unabhängigen Staat
forderte.

Der Kaukasus, das Gebiet zwischen dem Schwarzen und Kaspischen Meer, in dem
Tschetschenien liegt, wurde 1859 von Zar Nikolaus I. erobert. Die kurze, in den Wirren
der russischen Revolution erhaltene Souveränität hielt nur vier Jahrebis 1921. Im Zweiten
Weltkrieg ordnete Joseph Stalin wegen angeblicher Kollaboration mit Deutschland
die Deportation von rund einer halben Million Tschetschenen nach Kasachstan an.
1944 wurden 408.000 Tschetschenen und 92.000 Inguschen mit Viehwaggons nach
Kasachstan und Mittelasien deportiert. Bei der Deportation starben (nach offiziellen
Angaben) etwa 13.000 Menschen. Davor wurde jedoch bereits ,aussortiert”, wobei
eine unbekannte Anzahl von Menschen bei lebendigem Leib in Ställen verbrannt,
Kinder und Alte ertränkt oder reihenweise hingerichtet wurden. Um das entvölkerte
Gebiet wieder zu beleben, wurden 1945 etwa 200.000 Russen und Ukrainer in
Tschetschenien angesiedelt. Nikita Chruschtschow erlaubte den Tschetschenen 1957,
in ihre Heimat zurückzukehren. Es ist davon auszugehen, dass ungefähr ein Viertel von
ihnen während der Deportation verstarb.'*! Die zurückgekommenen Tschetschenen

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