als Vater der politischen und ökonomischen Liberalisierung der Sowjetunion namens
„Perestroika”. Auch sein Auftreten an der Spitze des Machtapparats war von langer
Hand geplant. Seine politischen Ziehväter waren der Parteiideologe Michail Suslov,
seit 1956 einer der Hauptplaner der Langzeitkampagne, und der langjährige KGB-
Chef Jurij Andropow. Seine politische Laufbahn bezeugte, dass er niemals einen echten
Bruch mit dem kommunistischen System vollzogen hatte. Er selbst hat bei unzähligen
Gelegenheiten wiederholt betont, dass er immer ein überzeugter Kommunist war und
stets geblieben ist.!!“

Mit dem Wegfall des übermächtig erscheinenden Ostblocks, so spekulierte man
in Moskau, würde auch die Einheit im Westen zerfallen. Hatte die Abschreckung des
Stalinismus die westliche Gesellschaft enger zusammengeschweißt und den Glauben
an den Kapitalismus gestärkt, läutete die Perestroika das Ende der konservativen,
antikommunistischen Grundhaltung im Westen ein. Der außenpolitische Berater
Breschnews und Gorbatschows, Georgij Arbatov, brachte es auf den Punkt: Die
UDSSR wird euch das Schlimmste antun: Sie wird euch den Feind wegnehmen.‘‘> Das
kommunistische Feindbild sollte auf der ganzen Welt zusammenbrechen, doch parallel
dazu der Kapitalismus weltweit diskreditiert werden. Nach dem Fall der Mauer sollte
der Bevölkerung Russlands und der ehemaligen Satelliten-Staaten der Sowjetunion
vorgespielt werden, sie würden im Kapitalismus leben. In Wahrheit hielt der Staat in
der Wirtschaft immer die Zügel in der Hand und blockierte den freien Handel, wie
er im ersten Teil beschrieben wurde (siehe S. 27), wo es nur ging. Mehr zu diesem
pseudoliberalen Zwischenspiel erfahren Sie ab Seite 141.

Die Entspannungspolitik aus Phase 2 sollte sich nun in eine vorgetäuschte
Partnerschaft mit dem Westen wandeln, die dem Ostblock die größtmögliche
wirtschaftliche und technologische Hilfe aus der kapitalistischen Welt sichern
würde, welche - in Vorbereitung auf Phase 4 - dem Ausbau des russischen
Militärapparats zugutekäme. Die Ostblockstaaten würden nun unter dem Gedanken
eines „Europa vom Atlantik bis zum Ural“ versuchen, sich anstelle der USA zum neuen
Partner Europas zu machen, um die USA außenpolitisch zu isolieren. Eine möglichst
sozialistisch dominierte Europäische Union unter Teilnahme der Staaten Osteuropas
wurde zum erklärten Ziel.'!° Gorbatschow gab zu, dass Lenins vorgetäuschtes Ende
des Kommunismus aus dem Jahr 1921 (siehe S.68) das geschichtliche Vorbild für die
Perestroika lieferte: Wir wenden uns heute immer häufiger den letzten Schriften Lenins,
seinen Ideen von der Neuen Ökonomischen Politik, zu und sind bemüht, aus diesen
Erfahrungen alles zu übernehmen, was für uns heute wertvoll und notwendig ist.” Die
Reaktion der westlichen Eliten, die Gorbatschow zu einem der größten Helden des
20. Jahrhunderts stilisierten, wird am besten durch zwei 70 Jahre auseinanderliegende
Artikel der New York Times verdeutlicht, die im Juli 1991 meldete, der Kommunismus
sei zusammengebrochen. Im Juli 1921, nach Lenins Liberalisierungen, hatte die Zeitung
dieselbe Meldung gebracht und schon damals war sie falsch gewesen.''®

Wie beim Prager Frühling löste sich insgeheim weder die kommunistische
Ideologie, die parteitreue Führungsschicht, noch der militärische Zusammenhalt
des Sowjetblocks auf. Die KPDSU und ihre Schwesterparteien im Ostblock

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