Leninisten, Stalinisten, Maoisten oder Trotzkisten (siehe S.165 ff.), zwischen Hardlinern
und Reformern, gebeutelt. Dass all diese Gruppen einer gemeinsamen Führungsspitze
unterstanden, durfte unter keinen Umständen bekannt werden. Mit dem Wegfall
eines übermächtigen erscheinenden Ostblocks, so spekulierte man in Moskau, würde
auch die Einheit des Westens zerfallen, was den Druck auf die Sowjetunion und
ihre Verbündeten reduzieren wiirde.'® Die Operationen zur interkommunistischen
Spaltung liefen streng geheim ab, vor allem die vorgetäuschten Konflikte zwischen der
UDSSR und China, die sogar von Insidern wie Sejna als real wahrgenommen wurden.
Nur Golitsyn berichtete von einer sowjetisch-chinesischen Allianz, die seit dem Beginn
der Langzeitstrategie durchgehend existiert hatte. Chruschtschow und Mao hatten bei
einer Konferenz der Ostblock-Parteien im November 1957 alle Differenzen ausgeräumt
und sich auf die von den Sowjets geplante Langzeitstrategie geeinigt.'”’ Dem Westen
wurde über Jahrzehnte eine Rivalität zwischen den zwei Staaten vorgespielt, wie bei
den angeblichen Grabenkämpfen an der sowjetisch-chinesischen Grenze, die, wie
Golitsyn berichtete, nie wirklich stattfanden.'® Solange die Sowjetunion und China
als Gegner galten, war das „Internationale Gleichgewicht der Kräfte“ gewährt, auf das
vor allem die Nixon-Regierung mit ihrem außenpolitischen Berater Henry Kissinger
(siehe S.73) Wert legte. Um ein vermeintliches Gegengewicht zur Militärmacht der
UDSSR herzustellen, stellte die Nixon-Regierung China in den 1970ern Kredite und
westliche Technologie zur Verfügung, die den Aufbau der chinesischen Industrie und
der chinesischen Militärmacht unterstiitzten.'” Russland tat gleichzeitig so, als sei
seine militärische Aufrüstung in den 60ern und 70ern gegen Peking gerichtet, um
die kapitalistische Welt zu beruhigen. Ein weiterer inszenierter Konflikt half Russland
dabei, die nach dem Zweiten Weltkrieg‘ stockende, technologische Hilfe aus dem
Westen zurückzugewinnen: Die vorgetäuschte Unabhängigkeit Rumäniens wurde
von einem Überläufer namens Ion Mihai Pacepa bestätigt, der allerdings nicht über
die Langzeitstrategie informiert war. Diese Operation lief unter dem Decknamen
„Horizont“. Rumänien wurde weiterhin vom Verteidigungsrat (siehe S.69 f.)
kontrolliert, doch es gelang dank der vorgetäuschten Unabhängigkeit, leichten
Zugang zu westlichem Know-how und Technologien zu bekommen. All diese
Bereicherungen wurden auf schnellstem Weg an die gesamte kommunistische Welt
weitergegeben, die ab den 60ern wieder konzertiert aufrüstete und ihre technische
Rückständigkeit mit enormen Militärbudgets ausglich. Während man nach außen hin
das Bild einer neuen, friedlichen Sowjetunion verkaufte, erarbeitete der Breschnew-
Ausschuss (siehe S.69) eine neue offensive Militärdoktrin, die vor einem Erstschlag mit
Atomwaffen nicht zurückschreckte. :

Christoph Hörstel (siehe S.89) sagte im April 2015 auf einer Demo gegen die
G7-Staaten, Russland habe „niemanden angegriffen“ „in hunderten von Jahren.
Die Behauptung, die Sowjetunion hätte nie andere Linder angegriffen, ist erstens
falsch (siehe S.124) und zweitens wire die Rote Armee in den 50ern und 60ern
zu einer großen militärischen Operation wie der Einnahme Westeuropas nicht in
der Lage gewesen. Vielmehr wire der Westen militärisch in der Lage gewesen, die

* Den die Sowjets ohne amerikanische Hilfe nicht hätten gewinnen können.

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