(siehe S.69), der in den Jahren 1956/1957 den Strategiewechsel ausarbeitete, erkannte
die Notwendigkeit einer Umstrukturierung der Geheimdienste, allem voran des KGB,
von einem reinen Unterdrückungsinstrument wie unter Stalin zu einer flexiblen Waffe
der internationalen Staatspolitik. Federführend beim Umbau der Geheimdienste war
Alexander Schelepin, der die Führung des KGB von 1958 bis 1961 innehatte. Die neue
sowjetische Strategie wurde deshalb von manchen Autoren auch als „Schelepin-Plan“
bezeichnet. Schelepin organisierte die Aufteilung des KGB in einen „inneren“ und
einen „äußeren“ KGB. Während der hochgeheime innere KGB in den Plan der
Weltrevolution eingeweiht war, wurde der äußere KGB mit taktischen, weniger
bedeutenden und eher alltäglichen Aufgaben betraut.” Das in der Arbeit von
Geheimdiensten angewandte Need-to-know-Prinzip, nach dem jeder Mitarbeiter nur
so viel weiß, wie er wissen muss, um seine Aufgabe durchzuführen, wurde so vom
russischen Geheimdienst noch weiter verfeinert.

Aus diesem Grund waren nur zwei von tausenden sowjetischen Überläufern - Sejna
und Golitsyn - in das strategische Gesamtkonzept des Ostblocks eingeweiht. Golitsyn
bewies seine Glaubwürdigkeit auf eindrucksvolle Weise: Zur Überraschung der
CIA-Agenten, die Golitsyn nach seiner Flucht 1961 befragten, hatte er nicht nur
Kenntnis von einer großen Anzahl geheimer NATO-Dokumente, er konnte sie
sogar mit ihren korrekten NATO-Codenummern identifizieren. Er wies darauf
hin, dass jedes geheime Dokument des KGB über eine Sicherheitslücke in Frankreich
innerhalb von 72 Stunden beschafft werden konnte. Dank zahlreicher undichter Stellen
kenne das KGB alle geplanten Operationen der CIA im Voraus, und zum Beweis
zitierte er entsprechende CIA-Operationen. Die CIA zeigte sich desinteressiert, da die
von Golitsyn erwähnten undichten Stellen dem Informationsaustausch zwischen KGB
und CIA dienten, die beide das Ziel einer Weltregierung verfolgten. Auch Golitsyn
wurde aufs Abstellgleis gestellt, bis James Jesus Angleton, der damalige Chef der
Spionageabwehrabteilung der CIA, auf ihn aufmerksam wurde. Er war der erste, der
Golitsyns Wissen sinnvoll auswertete, sodass ein KGB-Spionagering im französischen
Geheimdienst enttarnt und unschädlich gemacht werden konnte. Golitsyns und
Angletons Untersuchungen wurden ebenfalls von der Nixon-Regierung eingestellt.
Auch Golitsyn nahm in seinem Buch „New Lies for Old“ aus dem Jahr 1984 die
Liberalisierung des Ostblocks und die Auflösung der Sowjetunion vorweg, als
niemand im Westen daran glauben konnte. Bis 1993 erwiesen sich Golitsyns
Behauptungen zu etwa 94 Prozent als weitgehend korrekt. Trotzdem blieben seine
Enthüllungen in der westlichen Politik ohne Konsequenz.”

General Sejna erklärte, dass die Langzeitstrategie in vier Phasen aufgeteilt worden
war, deren Zeitplan jedoch nur grob skizziert wurde. Die sowjetischen Strategen
rechneten mit zeitlichen Verzögerungen und Rückschlägen, deren Auftreten aber
nichts am Ablauf der Phasen ändern würde. Die Langzeitstrategie sollte in folgenden
Zeitabschnitten ablaufen:

* Die CIA begann ebenfalls kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit dem „Office of Policy Coordination“
einen verdeckten operativen Arm zu errichten. Diese Abteilung organisierte u.a. ein verdecktes Programm der CIA
zur Beeinflussung der Medien namens „Operation Mockingbird“.

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