von Stalin gewesen. Eine echte Entstalinisierung, wie er in seiner Rede forderte,
hätte für Chruschtschow ein Leben im Gefängnis bedeutet. Auch wenn die Rede
Chruschtschows zur Steigerung des allgemeinen Interesses als „geheim“ eingestuft
wurde, wurden Tausende von Kopien an Mitglieder der Partei verteilt und sogar
der CIA zugespielt, die sie wiederum an die New York Times zur Veröffentlichung
weitergab. Es handelte sich um eine konzertierte Propagandaaktion, die dazu
diente, Phase 1 der neuen Strategie des sowjetischen Machtapparats einzuleiten.
Die neue Langzeitstrategie war in vier aufeinanderfolgende Phasen eingeteilt,
deren Schlusspunkt die kommunistische Weltregierung darstellen sollte. In den
vier Phasen sollte der Westen in jeder Hinsicht geschwächt werden, während die
Sowjetunion ihre militärische und propagandistische Stärke weiter ausbauen
würde. Wenn die Sowjetunion die nötige Stärke erreicht hätte, würde sie ihren
Untergang simulieren, um den Westen für sie zu öffnen. Danach würden die
Kommunisten durch linke Parteien die westliche Innenpolitik an sich reißen und
die ehemals souveränen Staaten unter einer Weltregierung vereinen. Sollte dies
nicht funktionieren, sah der sowjetische Planungsstab vor, die bis dahin erlangte
militärische Überlegenheit auszuspielen und den Westen entweder anzugreifen
oder mit dem Schreckgespenst der atomaren Zerstörung zum Einlenken zu
bringen. Die Langzeitstrategie sah nur zwei Optionen vor: Weltregierung oder
Weltkrieg (mit darauf folgender Weltregierung).

Im Gegensatz zu Chruschtschows „Geheimrede“, die in Wahrheit dazu gedacht
war, weltweit veröffentlicht zu werden und die Weltöffentlichkeit von den guten
Absichten der Kommunisten zu überzeugen, unterlag die Langzeitstrategie tatsächlich
allerstrengster Geheimhaltung. Nur ein sehr kleiner Personenkreis aus dem Inneren
der Partei und des Geheimdiensts KGB wurde in die langfristigen Pläne eingeweiht.
Glücklicherweise flüchteten zwei der wenigen Parteimitglieder, die in die
Strategie eingeweiht worden waren, in den Westen und teilten die geheimen
Informationen mit Behörden und Medien. Jan Sejna hatte persönlich als offizieller
tschechoslowakischer Delegierter an dem Parteitag teilgenommen und berichtete,
dass der wesentliche Inhalt von Chruschtschows Rede bereits im Juni des Jahres 1954
von tschechoslowakischen Ofhziellen vorgestellt worden war. Sie sollte die erste Phase
der Langzeitstrategie einleiten, die dem Westen verkaufte, der Ostblock würde sich von
innen heraus reformieren. Sejnas Karriere in der kommunistischen Partei führte ihn bis
in den Verteidigungsrat, dem höchsten Organ der kommunistischen Tschechoslowakei,
das sogar dem Politbüro übergeordnet war.” Anstatt die Führung der Sowjetunion einem
einzigen Generalsekretär wie Stalin zu überlassen, wurden bedeutende Entscheidungen
nun kollektiv im Verteidigungsrat entschieden. Dadurch konnten Funktionäre bis zu
20 Jahre im Voraus für leitende Positionen im kommunistischen Gefüge eingeplant
werden, und Machtgerangel wie nach dem Tod von Lenin und Stalin gehörten der
Vergangenheit an. So stand Breschnew als neuer Generalsekretär schon lange vor
dem Ausscheiden Chruschtschows fest.” Breschnew hatte den Strategiewechsel unter
Chruschtschow in einer Kommission mit ausgearbeitet und konnte ihn dann als

Oberhaupt der UDSSR selbst ausführen. Der sowjetische Verteidigungsrat erhielt die


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