erworbenen Psychopathie - wie z.B. Schizoidität oder Charakteropathie - vor allem
dadurch unterscheidet, dass er im vollen Bewusstsein seiner Andersartigkeit ist und
sich dementsprechend verhält. Er geht aufgrund dieser Eigenschaft taktischer vor als
die anderen Psychopathen, die ihren Defekt nicht realisieren und an die Richtigkeit
ihrer Handlungen glauben. Deshalb steckt in dem fanatischen Psychopathen, der in
seinem wahnhaften Glauben an eine neue bessere Welt die Macht ergreift, immer ein
essenzieller Psychopath, der sich der wahren bösartigen Natur der Tyrannei bewusst ist,
die ein anderer Psychopath errichtet. Essenzielle Psychopathen machen nur etwa 10
Prozent der 6 Prozent Psychopathen in der Gesamtgesellschaft aus. Das bedeutet, dass
0,6 Prozent aller Menschen essenzielle Psychopathen sind. Was in absoluten Zahlen
bei einer Weltbevölkerung von sieben Milliarden Menschen ziemlich viel ist. Immerhin
sind es hochspezialisierte Lebensformen, die über die Zeit, aufgrund der Tatsache, dass
nur sie in der Lage sind, auf Anhieb Abkömmlinge ihrer Spezies in Gesellschaften zu
erkennen, gelernt haben, miteinander zu kooperieren.

A.4. Die makrosoziale Entstehung des Bösen

Seine Studien lehrten Lobaczewski, dass das Böse in seiner Natur Krankheiten ähnelt,
obgleich es komplexer und schwieriger zu erfassen ist. Lobaczewski war einer der ersten
Forscher, der verstand, dass das Böse hochansteckend ist und eine Epidemie ins
Rollen bringen kann, die auch Menschen befällt, die eigentlich nicht psychopathisch
sind. Er wurde selbst Zeuge, wie andere Wissenschaftler von der Krankheit, die sie
untersuchten, angesteckt oder gar von ihr vernichtet wurden. Die Ansteckungsgefahr
von Psychopathie, die bis heute von den wenigsten Psychologen anerkannt wird,
beschrieb Lobaczewski folgendermaßen: Jeder Mensch assimiliert im Laufe seines Lebens,
und besonders während seiner Kindheit, psychologisches Material von anderen Menschen.
Dies geschieht durch mentale Resonanz, Identifikation, Imitation und andere Formen
der Kommunikation, woraufhin sich seine eigene Weltsicht bildet. Wenn das betreffende
Material von pathologischen Faktoren und Missbildungen kontaminiert ist, wird sich die
Persönlichkeit ebenfalls missgebildet entwickeln.'* Zwar steht am Anfang immer eine
Verletzung des Gehirns oder eine vererbte Anomalie, doch diese Verhaltensstörung
kann auch psychisch gesunde Menschen zu einem gewissen Grad befallen, zumindest
so weit, dass sie am Aufbau einer Pathokratie - einer Herrschaft des Bösen wie etwa
Stalins Russland und Hitlers Deutschland - mitwirken: Einen normalen Menschen
einem psychisch abnormen Individuum unterzuordnen, hat ernsthafte und schädigende
Auswirkungen auf seine Persönlichkeit - es erzeugt Traumata und Neurosen. Dies wird auf
eine Weise erreicht, die sich im Allgemeinen der bewussten Kontrolle entzieht. In solch einer
Situation wird der Mensch seiner natürlichen Rechte beraubt: seine eigene mentale Hygiene
zu leben, eine ausreichend autonome Persönlichkeit zu entwickeln und seinen gesunden
Menschenverstand zu benutzen.”” Das Böse dringt vor allem in Gesellschaften ein, die
sich ihre gesunde, instinktive Kritikfähigkeit gegenüber psychopathischen Individuen
abgewöhnt haben. Lobaczewski bezeichnet dieses Phänomen der Verdrängung des Bösen
als hysteroiden Zustand: In ‚guten‘ Zeiten wird die Suche nach der Wahrheit unbequem, da

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