Tyrannei transformieren. Und so wie der Psychopath durch therapeutische Methoden
geheilt werden kann, kann auch eine ganze Nation vom Einfluss des Bösen befreit
werden. Mit der weltweiten Verbreitung dieses bahnbrechenden psychologischen
Wissens könnte man die Entstehung humanitärer Katastrophen in Zukunft vermeiden,
weshalb der Herausgeber des Buches nicht zu tief stapelte, als er schrieb: Das Buch, das
Sie in Ihren Händen halten, kann das wichtigste Buch sein, das sie jemals lesen werden;
wahrscheinlich wird es so sein.”

A.2. Die Psychopathen unter uns

Lobaczewski war der Schwierigkeit ausgesetzt, dass er im kommunistischen Polen
unzureichende Daten, vor allem im Bereich der Psychopathie, vorfand, die nicht
ausreichten, um akkurate Schlussfolgerungen zu ziehen. So musste er unter widrigsten
Umständen damit beginnen, eigenen Nachforschungen nachzugehen. In einem seiner
Experimente wählte er aus 5000 psychotischen, neurotischen und gesunden Menschen
384 Erwachsene aus, die andere Menschen ernsthaft verletzt hatten.” Die Analyse der
Persönlichkeiten und die Entstehung der Verhaltensweisen ergab, dass nur 14 bis 16
Prozent der 384 Personen keine psychopathologischen Faktoren aufwiesen, die ihr
Verhalten hätten beeinflussen können. Doch vermutlich wiesen auch einige dieser 14
bis 16 Prozent diese Faktoren auf, denn die Nicht-Erkennung solcher Faktoren durch
einen Psychologen bedeutet nicht, dass es sie nicht gibt. „Psychopathologische Faktoren“
waren für Lobaczewski anormale Verhaltensstörungen, die er später in den Prozess
der Entstehung des Bösen einordnete. Diesen Prozess nannte er „Ponerogenese“
oder „Ponerisation“. Diese Verhaltensstörungen entstammten Verletzungen des
Gehirns (Läsionen), wurden vererbt oder durch psychologische Negativ-Erfahrungen,
vor allem in der Kindheit, erworben. Schon hier ist ein wesentlicher Unterschied von
Lobaczewskis Forschung zu anderen Beobachtern des Bösen zu erkennen: Er verurteilte
die Verhaltensstörungen nicht moralisch, sondern untersuchte deren Ursachen, die
zu einem großen Anteil anatomischen und genetischen Ursprungs waren. Bei einer
Verletzung des Gehirns oder im Falle der Vererbung spielten Erziehung und äußere
Einflüsse eine untergeordnete Rolle bei der Entstehung von psychopathischen
Verhaltensmustern.

Wesentlich waren Lobaczewskis Erkenntnisse über die Anzahl der psychopathischen
Störungen, die zur Entstehung des Bösen beitragen. Lobaczewski schätzte anhand
seiner Daten, dass sechs Prozent der Menschen an einer Störung leidet, die an
der Ponerogenese mitwirkt. So befindet sich durchschnittlich in jeder Schulklasse
eine Person, die später wesentlich an der Errichtung einer Diktatur mitwirken könnte.
Lobaczewski zeigte auf, dass es verschiedene Typen von Psychopathie gibt, wenngleich
er nicht jede Verhaltensstörung der sechs Prozent, die zur Entstehung des Bösen
beitragen könnte, als ,,Psychopathie® bezeichnete. Um das Verständnis zu vereinfachen,
werde ich dennoch von den sechs Prozent Psychopathen sprechen.

Erworbene psychopathische Störungen bezeichnete er als „Charakter-
opathien“. Diese können vor allem durch Verletzungen des Gehirns, schlechten

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