A.1. Die Wissenschaft des Bösen

Auch der Grund, warum es über den Aufstieg von Massenmördern wie
Hitler, Stalin und Mao oder jeden anderen Tyrannen der Weltgeschichte keine
sachliche Wissenschaft gibt, die allgemeine Ursachen, Regelmäßigkeiten und
Lösungen beschreibt, ist leicht ersichtlich: Die Tyrannen selbst hatten und haben
kein Interesse an diesen Erkenntnissen. Das musste der Forscher Andrzej M.
Lobaczewski am eigenen Leib erfahren, als er im kommunistischen Polen mit
einem geheimen Netzwerk aus Forschern eine neue revolutionäre Wissenschaft
erschuf: Die Wissenschaft über das Wesen des Bösen oder wie Lobaczewski sie
nannte: Die Politische Ponerologie (aus dem Griechischen: poneros = das Böse).
Lobaczewski studierte an der Universität von Krakau Psychologie und gehörte zu
den letzten Studenten, der die Psychologie ohne den Einfluss der Sowjet-Ideologie
studieren durfte. Er durfte miterleben, wie die Regierung jegliche Erkenntnisse
über die Verbindung zwischen Psychopathie und politischer Macht zerstörte.
Wo immer eine Gesellschaft versklavt und den Gesetzen einer überprivilegierten
Klasse unterworfen wird, ist die Psychologie die erste Wissenschaft, die von einer
Administration zensiert und angegriffen wird, die in der Darstellung wissenschaftlicher
Wahrheiten das letzte Wort an sich reißt, schrieb Lobaczewski selbst.' Damit hatte
er sicherlich recht, denn nichts ist für Iyrannen gefährlicher als die Aufklärung
über ihre psychischen Anomalien. Als Lobaczewski feststellte, dass manche seiner
Kommilitonen begannen, unter dem Einfluss der sowjetischen Herrscher und vor
allem eines neuen Psychologie-Professors, der nur noch Propaganda-Material des
Politbüros abstotterte, ihre Weltsicht grundlegend zugunsten der neuen Machthaber
zu verändern, war für Lobaczewski die Zeit gekommen, dieses Phänomen zu
erforschen. Er wurde allerdings mit der Tatsache konfrontiert, dass jemand offenbar
mit besonderem Wissen die Bibliothek von allem Material über dieses Thema gesäubert
hatte.“ Für den Psychologen nur der Anfang einer Serie von Rückschlagen, die
er bei der Arbeit an seinem Lebenswerk - der Wissenschaft des Bösen - erleiden
musste. Während seiner Tätigkeiten in einer psychiatrischen Anstalt, einem
Krankenhaus und bei einer Organisation für psychisch Kranke, verbesserte er
seine Fähigkeiten in klinischer Diagnose und als Psychotherapeut stetig. Durch
Forschung an polnischen Probanden gewann er Einsichten über das kranke Wesen
des Systems, in dem er lebte. Dass sein 2004 veröffentlichtes Buch „Politische
Ponerologie - Eine Wissenschaft über das Wesen des Bösen und ihre Anwendung
für politische Zwecke“ keine detaillierte Forschungsarbeit darstellt, liegt darin
begründet, dass das geheime Netzwerk der Forscher, mit denen Lobaczewski an
der Ponerologie arbeitete, während der post-stalinistischen Unterdrückungswelle
Anfang der 60er-Jahre durch zahlreiche Verhaftungen der Forscher ausgeschaltet
wurde. Lobaczewski musste das erste Manuskript des Buches verbrennen, als die
Geheimpolizei vor seiner Tür erschien. Die zweite Kopie - von Wissenschaftlern
unter widrigsten Bedingungen aufs Neue zusammengestellt - wurde via Kurier an
den Vatikan gesandt. Doch der Empfang des Textes wurde nie bestätigt, und wieder

13